Alltagswahn

Dezember-Liste 2024

Collage mit Dezember-Fotos

  • Im Kino frage ich den Mann in der Reihe hinter mir, ob mein Kopf in seinem Blickfeld sei. »Ach, wenn er stört, mache ich ihn einfach ab!«, lacht er.
  • Was ich wirklich liebe: Wenn meine Freunde für mich einkaufen. Es ist wie eine kleine Wundertüte, die man da bekommt. Unentdeckter Süßkram; nie zuvor gesehene Fertigprodukte; Obst, das man sich niemals kaufen würde. Ich kann es nur empfehlen: Überrascht eure Freunde mal mit einem ganz normalen Einkauf!
  • Schlesisches Tor: Ich steige aus der Bahn und sehe, wie ein junger Mann auf den Zug klettert. U-Bahn-Surfen geht an diesem Hochbahnhof besonders gut; es herrscht sowieso immer Chaos und niemand interessiert sich für irgendwen. Alle gucken nur, ein paar Leute filmen ihn. Der Zug fährt an, und ich schüttle nur den Kopf. Manchmal geht es nicht anders, in dieser Stadt.
  • M. drückt mir einen roten Umschlag in die Hand, darin ein Brief: Er bedankt sich für sein neues Tattoo, das ich ihm gezeichnet habe, und für unsere Freundschaft. Briefe sind das beste, und Freunde wie M. erst recht!
  • Ich beschwere mich darüber, dass mein Kopf nachts immer so friert. P. hat die naheliegende Idee, es doch mal mit einer Schlafmütze zu probieren. Eine Schlafmütze?! Ich sehe mich vor meinem geistigen Auge, verkleidet als Onkel Fritz aus Max und Moritz, und verzweifle. Aber die Eitelkeit hat keinen Platz in meinem Bett. Ich werde es versuchen!
  • Ich blättere durch mein Notizbuch, und immer wieder, über das ganze Jahr hinweg, finde ich kleine Cluster, die betitelt sind mit »alles in meinem kopf«, »was gerade los ist«, oder »jetzt«. Darunter folgt dann eine große Aufzählung an Dingen, die ich noch machen muss, die mich gerade beschäftigen, die mir Sorgen bereiten, die mich glücklich machen. Diese kleinen Berge an Gedanken irgendwo abladen zu können, sich nicht davor zu scheuen, sie in Worte zu fassen – das hilft marginal. Sie nochmal zu lesen und zu merken, dass alles eigentlich immer nur halb so wild ist, das hilft dann wirklich.
  • Im Zug durch die Schweiz. Die Gleise führen direkt am Ufer des Thunersee entlang. Friedlich und kalt liegt er da, sein Horizont zerfranst im Nebel.
  • Im Internet sehe ich ein Meme, auf dem ein Typ sassy auf seinem Motorroller sitzt und entspannt durch die Straßen fährt. Im Titel: »Me heading into 2025 unchanged, because I was never the problem.«

Meine Top- und Flop-Anschaffungen 2024!

Fahne mit der Aufschrift "Heiße Wurst"

Ein weiteres Jahr des Konsums geht zu Ende. Auch ich habe dieses Jahr wieder viel geshoppt!

Kleiner Scherz. Ich glaube zwar an Retail Therapy, aber ich gebe mich ihr nur sehr selten hin. Meine Lust an elektronischen Gadgets etwa habe ich komplett verloren. Kleidung zu kaufen finde ich schwierig, weil alles für Männer nur blau und schwarz ist, und nachhaltige, hochwertige Kleidung recht teuer ist (zurecht). Ich versuche immer erst mal, Dinge gebraucht zu kaufen; aber auch das ist oft nicht einfach. Am Ende kaufe ich dann meist gar nichts, was entweder dazu führt, dass ich das ursprüngliche Kaufbedürfnis vergesse, oder dass sich Dinge einfach nicht regeln (deshalb hängt in meiner Wohnung zum Beispiel immer noch die ein oder andere nackige Glühbirne; ich finde einfach keine passende Leuchte).

Ein paar High- und Lowlights im Konsumjahr 2024 gab es bei mir aber dennoch:

Blödeste Anschaffung: Die elektrische Zahnbürste
Auf Empfehlung meiner Zahnärztin bin ich von meiner geliebten Handzahnbürste auf ein elektrisches Modell gewechselt. Seitdem graust es mir vor dem täglichen Reinigungsritual: Dieses unangenehme Surren des Bürstenkopfes, dessen Vibration bei jeder Berührung den ganzen Schädel wackeln lässt – uaarggh. Aber was soll’s, nun hab ich sie. Mal sehen, was die Zahnärztin sagt.

Beste Anschaffung: Ein riesiges Bett
Nach langem Überlegen, Ausmessen und Probeliegen habe ich mir ein neues, großes Bett zugelegt. Ein Upgrade von 140 auf 180cm macht beim Schlafen durchaus was her: Plötzlich kann man wie ein Seestern im Bett liegen, ohne dass irgendein Gliedmaß von der Bettkante baumelt. So ein Upgrade geht zwar ins Geld (neuer Bettrahmen, neuer Lattenrost, neues Kopfteil, neue Matratze!), aber es hat sich gelohnt und ich liege nun noch lieber im Bett als eh schon.

Komplett egale Anschaffung: ein neues iPad
Ich nutze mein iPad viel und ausschließlich zum Zeichnen, und weil mein sieben Jahre altes Modell so langsam müde wurde, habe ich mir ein neues gegönnt. Mittlerweile kann man den Stift elegant via Magnet an die Seite klemmen – das war’s aber auch schon an „Innovation“. Diese Dinger (wie fast alle Apple-Geräte) sind mir mittlerweile leider komplett egal und ich sehe sie als Werkzeug, die bitte ihren Job machen und ansonsten möglichst nicht im Weg sein sollten.

Im neuen Jahr muss ich mir aber dann wirklich ein paar neue Pullover kaufen. Drüben bei Mastodon habe ich dazu ein paar gute Hinweise bekommen; die fasse ich vielleicht irgendwann mal hier im Blog zusammen. Bis dahin empfehle ich euch, einen fast vergessenen Trend wieder aufleben zu lassen: Window Shopping! Dabei gibt man quasi kein Geld aus, und kann sich dennoch an vielen schönen Produkten erfreuen.

Dr. Schnarchenbergers schnelle Einschlafhilfen

Kissenstudien Zeichnung von Albrecht Dürer

Bild: Kissenstudien von Albrecht Dürer

Ich habe das Glück, selten unter Schlafschwierigkeiten zu leiden. Normalerweise falle ich rasch in einen tiefen Schlaf, der sich allmorgendlich pünktlich um 7.45 Uhr von selbst beendet. Einige meiner Freunde jedoch werden oft von Schlafstörungen, wachen Nächten und scheinbar undurchdringbaren Gedankenkreiseln heimgesucht.

Mein Instagram-Algorithmus schlägt mir (anstatt ihnen!) seit neuestem immer wieder halbwissenschaftliche und pseudekluge Einschlaftipps vor. Damit sich niemand sonst diese unsäglichen Reels angucken muss, hat Dr. Schnarchenbergers sie hier für die geneigte Leserschaft versammelt. Wir wünschen geruhsame Nächte!

Tipp 1: Zählen und Blinzeln

Begeben Sie sich in ihre übliche Schlafposition und schließen Sie die Augen. Zählen Sie nun langsam bis 30. Öffnen Sie anschließend für ca. fünf bis zehn Sekunden Ihre Augen – jedoch nur einen kleinen Spalt breit! Anschließend wiederholen Sie den Vorgang. Bis Sie eingeschlummert sind.

Tipp 2: Wörterdröseln

Auch hier starten Sie in Ihrer gewöhnlichen Schlafposition, mit geschlossenen Augen. Wählen Sie nun ein einfaches Wort, und stellen Sie es sich in großen Buchstaben vor. Etwa das Wort DISTEL. Nun beginnen Sie, zu jedem der Buchstaben jeweils drei Worte aufzustählen. DISTEL. D wie Dromedar, Dinkel, Druckluft. I wie Ingwer, Igel, Iserlohn. S wie Säbel, Schnaps, Schlafen. Und so fort. Das machen Sie mit immer neuen Wörtern – bis Sie schlafen.

Tipp 3: Tierische Achter

Machen Sie sich bettfertig. Augen zu! Wählen Sie nun einen Buchstaben des Alphabets, etwa M. Nun beginnen Sie, zu zählen. Bei jedem Achterschritt (8, 16, 24, 32, 40, 48, etc.) halten Sie inne – und denken an ein Tier mit dem Buchstaben M. Marder! Zählen Sie weiter (… 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16!), M!, Meerschweinchen. Und so fort. Das funktioniert natürlich auch mit Pflanzen, Dingen, Städten, Ländern, oder Flüssen. Aber Achtung: Mache Sie es sich nicht zu kompliziert.

Schöne Träume wünscht Ihnen
Ihr Dr. Schnarchenberger

November-Liste 2024

Collage mit Fotos

  • Biedermann und die Brandstifter im Berliner Ensemble. Damit habe ich mir eine kleine Bildungslücke geschlossen. Großartig, kurzweilig, höchst aktuell und brandgefährlich. Sehr empfehlenswert.
  • Ich bin zum Dinner bei Freunden eingeladen. Es ist schick, mit Stoffservietten und Silberbesteck, und nach dem Essen versammeln sich einige Gäste um das Klavier und klimpern. Es ist schön, wie in einem Film, surreal. Der einzige nichtmenschliche Gast, ein riesiger Hund namens Wolle, hat sich zum Dösen in die Küche verkrümelt.
  • Kontrastprogramm zu Ossobuco auf Meissener Porzellan: Plantbullar mit Pommes bei Ikea. Da war ich auch schon ewig nicht mehr. Bin ich alt und dekadent geworden, oder ist es mittlerweile wirklich total ramschig dort?!
  • Ich besuche das erste mal das Futurium, und obwohl ich wenig Zeit habe und nur so durchrausche, habe ich einige gute Fakten und vor allem: gute Fragen mitgenommen.
  • Gisela versteinert immer, wenn sie ihren kleinen gelben Regenmantel anziehen muss. Nichts hasst sie mehr. Sagen wir so, wettertechnisch war der November nicht ihr Monat.
  • Im Januar schrieb ich vom Schwimmen, im November hatte ich nun meine erste Schwimmstunde! Das Hallenbad hier ist unprätentiös, aber wenn man sich da aus dem Regenwetter hineinflüchtet und ins klare Wasser eintaucht und Muskeln bewegt, mit denen man seit Ewigkeiten nicht gesprochen hat: Tut sehr gut!
  • Ansonsten war nicht viel. Wenig Licht, wenig draußen, wenig gesehen. Ich sitze abends am Schreibtisch und bastle kleine Zines, zum Runterkommen. Und nun ist ja auch schon Dezember.

 

15 Jahre Berlin

Wie verdaut man 15 Jahre in dieser Stadt. Sie zu bewohnen ist ein kontinuierliches sich häuten. Hier leben ist wie ein Bad in einer Tinktur aus Wonne und Glück, aus zweifeln und hadern. Man massiert sie sich jeden Morgen in das müde Gesicht, in die Hautfalten, in die Rillen, die die Stadt hinterlässt. Die Stadt ist wach hinter Mauern aus Glas. Ich habe so viele Listen geschrieben in den letzten Jahren. Hier sein ist ein in immer währendes Aushandeln zwischen dem, was die Stadt einem nimmt, und was sie gibt, und ob es sich die Wage hält.

Oktober-Liste 2024

Foto-Collage Oktober 2024

  • Kurfürstendamm Ecke Joachimsthaler Straße. Ich haste an einem Piercing-Studio vorbei. Im Schaufenster liegen zwei abgehackte Hände!
  • Ein Monat, in dem ich mir mehr als einmal sicher war: Jetzt haben sie mich. Jetzt werde ich endlich, endlich als Hochstapler enttarnt. Was dann, eigentlich?
  • Wir spazieren zur Buchbox am Centre Français. Nachdem Paul sich mein Grübeln und Hadern eine halbe Stunde lang angehört hat, fragt er mich, ob ich im Herbst wohl immer besonders streng mit mir sei?
  • Kulinarisches Highlight im Oktober: Ich habe Ramen für mich entdeckt! Ich hatte es mal vor Jahren bei Cocolo gegessen, das war wirklich furchtbar. Aber neulich aß ich es in einem unscheinbaren Restaurant, und es war fantastisch!
  • Kulinarisches Highlight Nummer 2: Endlich die Kroketten bei Dashi gegessen. Sie waren winzig und teuer, aber sie haben mich überraschend glücklich gemacht.
  • Kulinarisches Lowlight dafür: Seit Jahren mal wieder bei McDonals gegessen. What is this place?!
  • Ich verkaufe mein Bett über Das Online-Portal Kleinanzeigen. Ein älteres Paar kommt vorbei, das die Matratze ausprobieren möchte. Ich sage, dass sie das natürlich machen können. Die Frau zieht fröhlich ihre Schuhe aus, und beide legen sich auf die Matratze. Sie ruckeln sich zurecht und fangen an zu kuscheln, Löffelchen-Stellung. Ich stehe sehr merkwürdig und unbeholfen daneben. Am Ende nehmen sie die Matratze nicht.
  • »I don’t know. You seem like the kind of guy who always knows what time it is.«
  • »Ich schätze dich für deinen Geist«, sagt Ralf am Telefon, und das gesagt zu bekommen, das wünsche ich wirklich jedem.

September-Liste 2024

September-Collage 2024

  • Der Nachtwächter führt uns im Dunkeln auf unser Hotelzimmer. Über der Eingangshalle schwebt ein gusseiserner Kronleuchter, im Treppenaufgang steht eine Ritterrüstung. Die Lampen im Flur gehen nicht an. Der Wart durchleuchtet die Hallen mit seiner Taschenlampe, bis er vor unserem Zimmer stehen bleibt und uns hinein bittet. Das Licht wird angeknipst und der kurze Zauber ist vorbei.
  • Ein Mann sitzt unter der Wasserfontäne im Pool. Er grinst zufrieden. Der Brite, der jeden anquatscht, nippt an seinem Bier, und quatscht auch ihn an.
  • Irgendwie absurd, dass ich bis vor kurzem noch nie auf einem Jetski saß. Das machen auf Instagram doch alle, ständig?! Aber ich saß bis eben auch noch nie in einem Kajak auf dem Ozean, und es hat sich als nicht sonderlich erlebenswert für mich erwiesen. Kann also von der Liste. Been there, done that.
  • Im Call erzählt J. von ihrer Begegnung mit einem echten, lebendigen Kraken. Seitdem sei sie auf der Suche nach Erlebnissen, die eine ähnliche Qualität wie dieses besondere Zusammentreffen hätten. Ich kann es mir vorstellen!
  • Plötzlich beim Blick in den Spiegel und beim Anblick meiner Geheimratsecken (die sonst gut von den Haaren verdeckt werden) wahnsinnige Angst vor dem Altern und körperlichem Verfall bekommen. Dann schnell die Haare drüber gekämmt, solange es noch irgendwie geht.
  • Zurück in Berlin, und plötzlich ist Herbst: Ich spaziere über den Campus, der voll ist mit roten und goldenen Blättern. Die Bäume sind schon ganz kahl. Es ist doch noch viel zu früh dafür.
  • Zum dritten Mal in diesem Jahr werde ich mit den besorgten Worten begrüßt: Mensch, du wirst ja immer dünner.Public Service Announcement: Man kommentiert fremde Körper nicht einfach so, egal in welcher Form sie gerade sind. Ich ärgere mich heimlich, und lasse mir von ChatGPT einen komplett unmöglichen Ernährungsplan erstellen.
  • E. verlässt Berlin. Ich besuche sie ein letztes Mal in ihrer Wohnung, zwischen Umzugskisten und demontierten Möbeln. Als ich gehe und mich im Treppenhaus umdrehe, winkt sie und ruft: »Ich glaube, ab jetzt wird alles besser!«