Alltagswahn

Haha

Ich habe in letzter Zeit beobachtet, wie ich bei lustigen Stellen in Filmen, Serien und Texten ohne Zurückhaltung lache. Manchmal sogar so richtig laut! Besonders wenn ich alleine bin, und mich dem Witz ganz hingeben kann. Ha ha ha! Ich sitze dann im Bett und jauchze bei der amüsanten Szene oder Stelle laut auf. Es ist sehr erleichternd! Kurz darauf komme ich mir merkwürdig und albern vor, aber dann ist es schon zu spät, und den Kicher-Genuss kann mir dann keiner mehr nehmen, nicht mal ich selbst.

Passend dazu ein Ohrwurm der letzten Wochen: Charlotte Adigéry & Bolis Pupul – HAHA (Bandcamp).

Oktober-Liste 2025

Foto-Collage: Kürbisse, ein kleiner Kuchen, Selfie von mir mit Schnurrbart

  • Auf einer Party erzählt mir eine Frau, dass sie gerade ein Entführungstraining für ihren NGO-Job gemacht hat. Habe erst Führungstraining verstanden, langweilig, aber dann berichtete sie von Auto-Kidnapping, Schutz vor Waffengewalt und Umgang mit Bedrohungen. Dagegen ist jedes Führungstraining wirklich die reinste Langeweile.
  • Meine Terrasse wird saniert. Dämmungs- und Kiesschichten werden abgetragen, die alten Platten werden zerkleinert und entsorgt. Der Abbruch dauert lange. Ich bin sicher: Gleich wird eine wertvolle Vase aus der Antike entdeckt, und ich muss die Wohnung räumen, und der ganze Prozess wird sich über Jahre hinziehen.
  • Ich spreche mit dem Dachdecker. »Nochmal würde ich den Job nicht machen«, sagt er. Ich frage ihn, was das Schöne an seinem Beruf sei. »Naja, die Freiheit. Ick bin immer draußen. Und ick kann immer ’ne Zigarette beim Arbeiten rauchen, wann immer ick will.«
  • Ich bin ehrlich: Nicht im eigenen Bett zu schlafen wird ab 30 einfach zu einer echten Herausforderung. Falsches Kissen, falsche Decke, falsche Morgenroutine. Das macht mein Körper alles nicht mehr mit!
  • Nach dem Theaterbesuch irren wir noch etwas durch die Stadt, auf der Suche nach einer Bar. Samstags um 22 Uhr einen Tisch in einer Bar zu bekommen ist offenbar ein Ding der Unmöglichkeit, und war das schon immer so, oder liegt es doch einfach an mir? Mir fehlt die entspannte Bar-Abend-Aura!
  • Ein Mann im Zug liest Herrndorfs Arbeit und Struktur. Er schaut kritisch und gebannt. Fühle ich so sehr.
  • In letzter Sekunde versucht eine Frau noch, in die U-Bahn zu springen, aber die Tür schließt sich, und nur ihre eilig vorausgeworfene Tüte mit dem chinesischen Take-out schafft es hinein. Das Essen klemmt traurig in der Tür und reist alleine mit uns weiter.
  • »Die Welt teilt sich in zwei Lager, die, die sich nehmen, was sie wollen, und die, die es nicht tun. Und wer interessiert sich schon für diese Langweiler?!«

September-Liste 2025

Kollage: Ein Xerox Drucker, ein falscher 100 Euro Schein, Ein selfie vor einem Riesenrad

  • Am Nebentisch in der Kneipe unterhalten sich Freunde über eine nicht anwesende Person. »We never know if she is normal or if she’s just acting normal…«
  • Sonntag, 7. September 2025, 21.30 Uhr. Wir strecken uns aus dem Fenster und schauen nach dem Blutmond. Nichts. Dann gucken wir ihn im Livestream auf YouTube, das geht wesentlich besser.
  • P. fragt sich, ob ich womöglich gar nicht echt sei, sondern lediglich sein imaginärer Freund. Ich überlege, wie ich meine Echtheit ihm gegenüber verifizieren könnte. Der Gedankengang erinnert mich an unsere laufende Debatte darüber, ob wir denn nun in einer Simulation leben oder nicht, und ob P. und ich in der gleichen stecken, oder ob es womöglich zwei verschiedene sind.
  • »Hab dich lange nicht mehr gesehen. Du siehst irgendwie ungleichmäßig aus im Gesicht.« Was man nicht hören will, wenn man Feierabends vor der Kneipe sitzt und den Tag verdaut.
  • Im Hof der Neuköllner Oper: Eine junge Frau im beigen Trenchcoat und großem aufgeklebten Schnurrbart schwingt ihre braune Ledertasche und setzt sich neben ihren Freund ins Publikum (provisorische Bierbankbestuhlung). Alles super.
  • Z. schreibt seine Gefühle auf kleine Zettel und lehnt sie neben den Bildschirm auf dem Schreibtisch, immer im Blick.
  • Durchsage im ICE von Leipzig nach München: In Wagen 6 wird ein Notarzt benötigt. Fast alle Fahrgäste stürmen zum Wagen 6. Fünf Minuten später nochmal eine Durchsage: »Vielen Dank für die zahlreichen Hilfsangebote, wir haben jemanden gefunden. Bitte setzen Sie sich wieder.« So endet der Viszeralmedizin-Kongress Leipzig 2025.
  • Im Vorbeigehen höre ich einen Mann zu seinem Kumpel sagen: »Ich bin jetzt wieder mit der Welt versöhnt.« Es wurmt mich immer noch, dass ich nicht weiß, was zum Ungleichgewicht und was zur Versöhnung geführt hat.
  • Budenzauber, das ist das Wort und das Gefühl, das mich überkommt, als ich mich (mich, of all people!) auf dem Oktoberfest wiederfinde. Alle sind so fröhlich und fesch und alles leuchtet, und ich komme mir ganz einfach und unkompliziert vor. Ein schönes Gefühl.
  • Im Zug auf meiner Heimfahrt erklärt eine Frau ihrer jungen Tochter: »Wenn du von Angst überfallen wirst, atme einfach fünfmal ganz tief ein und aus. Und dann wirst du sehen dass die Angst weg ist!« Wünsche beiden so sehr, dass das für sie funktioniert.

August-Liste 2025

Collage August: Zeichnungen, ein Treppenhaus, Reis mit Erbsen, ein gelbes Buch in einer blauen Jackentasche

  • Zurück im Hotel krame ich den Glückskeks aus meiner Tasche hervor und knacke ihn auf. Leer. Was soll das denn jetzt bitte für eine Botschaft aus der Zukunft sein?!
  • Im Hotelbett liegen ist ein ganz besonderer State of Mind: Man schaut an die Decke und wartet auf die erleichternde Sekunde, in der die Badezimmerlüftung stoppt und wieder Stille herrscht, die man ja braucht, um das Piepen des Hosenbügelautomaten (!) zu hören. Der war übrigens eine Enttäuschung; kein Wunder, dass er aus Hotelzimmern verschwunden ist.
  • Ein alter Mann im Bus regt sich über das schreiende Kleinkind auf. Zeternd grummelt er in sich hinein, und ich hoffe, dass ich im Alter nicht so verbittert und entfremdet von der Welt werde.
  • Brandenburg. Auf den Stufen vor einem Kiosk sitzt ein kleiner Junge und isst ein Eis. Neben ihm sitzt ein Hund, bestimmt doppelt so groß, und schaut traurig und neidvoll zu. Die Szene ist wie aus einem 70er-Jahre-Film geschnitten, auch die Farben sind ganz blass.
  • M. sagt, dass ich ganz oft immer erst mal eine Lüge erzähle, um sie dann direkt zu korrigieren. Quasi als Conversation Starter. Das halte ich für eine merkwürdige Beobachtung, aber ich nehme mir vor, darauf zu achten. Quatsch, war gelogen, ist doch praktisch, so eine Conversation-Starter-Lüge!
  • Manche Samstage sind wie ein kleiner müder Urlaub.
  • Im Park begegne ich zwei Waschbären, wir halten inne und schauen uns in die Augen. Aus dem Freiluftkino kommen die dumpfen Geräusche von Gints Zilbalodis’ Flow.
  • Nachts am Küchenfenster schaue ich in die Wohnungen gegenüber. Es ist wie ein kleines Kammerspiel: Hier drüben rauchen drei Freunde bei einer Hausparty auf dem Balkon. Da unten schläft der Mann in seinem Sessel am Fenster. Eine Studentin tippt in ihr Laptop. Da drüben haben sich die Kids und ihre Eltern eine Höhle aus Kissen und Matratzen gebaut. Unten flackert ein einsamer Fernseher.

Speed-Dating

Für meinen Plan, mehr offline zu leben, habe ich mich bei einem Speed-Dating-Event angemeldet. Ein Freund kommentiert mein Vorhaben: Das sei ein wenig frech, weil ich ja gar nicht wirklich auf der Suche sei und quasi als Voyeur dort auftauchte. Aber es geht hierbei ja lediglich um eine Form des Kennenlernens, Ausgang ungewiss. Wir verbringen also, ganz offline, einen kurzweiligen Abend in einem Café; alle fünf Minuten läutet eine Glocke und wir wechseln die Tische. Einer meiner Gesprächspartner sagt, er wolle einfach normale Leute kennenlernen; auf den digitalen Dating-Plattformen seinen ja nur Freaks unterwegs. Ich frage mich, ob mittlerweile nicht eher bei so einer absurden Aktivität wie Speed-Dating die Freaks anzutreffen sind – uns beide einbezogen.

Juli-Liste 2025

Collage aus dem Juli: München, Monstera, CSD, Kunst, Superman im Kino, ein 3D-gedruckter Croc

  • Ich laufe durch München und beobachte mehrmals am Tag, wie sich Leute zufällig treffen und sich freuen und in die Arme fallen. Die Stadt gibt sich große Mühe, von mir romantisiert zu werden. Ich falle nicht darauf herein, oder nur kurz: Die Menschen sind zu schön, die Straßen zu sauber, die Kleider zu glatt, die Mieten zu hoch.
  • M. überredet mich, mit ihm in den Eisbach zu springen: »Zehn Jahre jünger fühlst du dich danach!« Er hatte recht.
  • Auf einer Party unterhalte ich mich mit einer Kollegin. Unter Freunden sei sie total extrovertiert und könnte eine Karaoke-Party starten, behauptet sie. Aber im beruflichen Kontext sei sie ganz schüchtern und still. Bei mir ist es wohl umgekehrt (nur Karaoke mache ich weder hier noch dort).
  • 1:30 Uhr: Ich wache durch ein Knistern neben meinem Bett auf. Eine riesige Heuschrecke kriecht am Boden entlang direkt auf mich zu. Sie ist so groß wie meine Faust! Als hätte ich jahrelang für diesen Moment trainiert, schieße ich aus dem Bett und befördere sie nach draußen. Es dauert keine Minute! Wer weiß, was sie mit mir gemacht hätte, wenn sie mein Kopfende erreicht hätte.
  • Gerade als ich die Haustür aufschließen will, fährt J. mit dem Rad an mir vorbei und drückt mir zwei riesige Avocados in die Hand, die sie beim Food Sharing ergattert hat. »Frische Ware!« flötet sie, und rauscht davon.
  • Mittlerweile bin ich wohl ein derartiger Spießer, dass ich mich über Leute wundere, die keine Vorhänge in ihren Wohnungen haben.
  • Auf dem Balkon gegenüber sitzen zwei Frauen im Abendlicht und rauchen. Eine nach der anderen quarzen sie weg. Sie gackern nicht, sie lehnen sich nur zurück und quatschen und rauchen eben.
  • Computertomographie. Während ich in der Röhre liege, merke ich erst, wie angespannt mein Kiefer ist. Ich schließe die Augen und mein Kopf verspannt sich, ich spüre die bleischwere Zunge, die sich gegen meinen Gaumen presst, und die Zähne, die verkeilt gegeneinander drücken. Um mich herum rotiert die Maschine.
  • »To make progress, you need to be willing to begin again.«

Juni-Liste 2025

Collage aus dem Juni: Ein gebackener Zopf mit Sesam, eine Zeichnung, Selfies, eine große Monstera

  • In der Bahn unterhalten sich zwei Freundinnen: »Ich sah den Anrufer, der mich da drangsalierte, aber ich wusste nicht mehr, wer es war! Ich hab diese Person damals wohl als THE DEVIL eingespeichert.«
  • Es ist endlich ein warmer Tag, und ich laufe mit meinen Shorts und Turnschuhen durch Moabit. N. sagt, ich sehe gut aus »in meiner kleinen Hose«. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie sich lustig über mich macht, und hadere mit der Frage, ob ich in meinem Alter noch kurze Hosen in der Öffentlichkeit tragen kann. Ja, beschließe ich. My body my choice.
  • H. fragt, was wir in ein paar Jahren machen, wenn es wegen der ganzen KI-Systeme keine Websites mehr gibt und alle nur noch mit Maschinen chatten wollen. Ich winke ab, um nicht wieder in vollkommenen Missmut zu verfallen. Bücher gibt es ja auch noch, obwohl niemand mehr lesen will (oder kann).
  • Einer dieser Sommerabende, an denen man abends draußen steht und in den Himmel guckt, »Ich legte meinen Kopf zwischen die Sterne und fiel in die Nacht“, singt PeterLicht.
  • Wir treffen uns spontan in einem Restaurant, und neben uns sitzen zwei Freundinnen, beide wohl so Ende 50. Sie haben Spaß und gackern und gönnen sich diverse Drinks, und bei der Verabschiedung fallen sie sich herzlich in die Arme und glucksen. K. und ich schauen uns an und wissen, das sind wir in 20 Jahren, und immerhin das sind doch gute Aussichten.
  • Ein befreundeter Lehrer erzählt, dass er neulich noch spontan zu einer Krisensitzung in seiner Schule musste. Ein Schüler habe einen Mitschüler verletzt, mit einem Wurfstern.
  • Bin mit P. bei Kaufland flanieren (Milchschnitte war im Angebot). Das Warten an der Kasse dauert, P. zieht sich einen leeren Karton auf den Kopf und schaut sich um. Das ist so ein Moment, den dann jemand aus der Ferne fotografiert und auf Reddit hochlädt und dazu schreibt »only in Berlin«. Von innen heraus nimmt man sowas ja gar nicht mehr wahr.
  • An mir watschelt eine Frau vorbei, mit einer Fluppe in der einen und einem kleinen Hund in der anderen Hand. Sie trägt ein riesiges T-Shirt mit der Aufschrift NO BAD DAYS. Das Motto für den Sommer.