Alltagswahn

Linksdrall

Der Hund hat einen Linksdrall. Das sehe ich immer, wenn ich ihn von der Leine lasse und er dann nach vorne rennt. Nach vorne links. Er hastet so los, schlägt Haken wie ein Hase, aber nie geradeaus. Immer in so einem kleinen Bogen nach links. Erst habe ich überlegt, ihn zu reklamieren. Mich hat das wahnsinnig gemacht. Es war unberechenbar, wohin er genau abbiegen würde, und ich wollte keine Risiken eingehen. Aber dann habe ich mich entschieden, ihn zu behalten. Ich war unsicher, ob das überhaupt ein triftiger Reklamationsgrund gewesen wäre, und dann waren die zwei Wochen Umtauschrecht verstrichen, und das wäre dann alles recht kompliziert geworden. Also blieb er bei mir. Ich versuche jetzt immer beim Werfen von Stöckchen oder Spielzeug, den Linksdrall des Hundes etwas auszugleichen, in dem ich ein wenig nach rechts werfe. Aber so wirklich klappen will das nicht.

Januar-Liste 2026

Collage Januar: selbstgemachte Ravioli, ein Cocktail, ein Schild mit der Aufschrift

  • Ein Mann im Zug führt lautstark ein Telefonat. Mit heiserer Stimme klagt er sein Leid – er könne die Miete nicht mehr bezahlen, müsse die Wohnung auf Vordermann bringen, um die Kaution zurück zu bekommen. Er wolle sich kein Geld leihen, »Nein, bloß keine weiteren Schulden. Hätte ich doch nur diese Sporttasche nicht im Zug liegen lassen. Das war so dumm von mir. So unfassbar dumm.« Was da wohl drin war?!
  • In einer angesagten Bar studiere ich ratlos die Karte. Ich wünsche mir etwas rosafarbenes, feminines, das in einem kalten und albernen Glas serviert wird. Ich bestelle also meinen ersten Cosmopolitan, und bin nach drei Schlucken unerwartet beschwipst. Es ist ein ungewohntes Gefühl, da ich so gut wie nie Alkohol trinke – ein witziger, aber auch nennenswert unangenehmer Zustand.
  • Nach dem Schwimmen öffne ich die Tür zur Herrendusche, und laufe direkt in die versammelte Feuerwehrmannschaft, die gerade ihr Schwimmtraining beendet hat. War in meiner Fantasie irgendwie … anders.
  • Ein Typ, Anfang 20, zu seiner Freundin: »Ich hab’ überlegt, Dienstags etwas früher Feierabend zu machen, und dann noch zum Schreiben in die Bib zu gehen. Weil ich sonst echt nicht weiß wie ich das alles hinkriegen soll.« »Mit ›alles‹ meinst du das Buch?« »Ja was denn sonst?!« »Na ja, du hättest ja statt ›alles‹ auch einfach ›das Buch‹ sagen können.«
  • Die Frau neben mir packt eine große Tupperdose mit Nudelsalat aus. Kichernd genehmigt sie sich dazu ein kleines Fläschchen Eierlikör. Interessante Kombi, finde ich, aber ich gönne ihr natürlich ihren genussvollen Start ins Wochenende!
  • Ein Baby schreit und schreit und schreit so sehr dass es sich verschluckt, das arme Kind, aber es klingt, als bräuchte es eine kleine Pause und musste dabei dann kurz über sich selbst und seine geräuschvolle Performance lachen.
  • Der Therapeut rät mir: »Schalten Sie doch mal einen Gang runter«, und ich frage mich, ob anstatt MUT vielleicht einfach das mein Motto für 2026 sein sollte. Gang raus, ich fahre jetzt mal ’ne Weile im Leerlauf. Und dann wechsle ich vielleicht auf Automatik, mal sehen.
  • Der Trödelladen um die Ecke verkauft jetzt »Mystery Bags« – große braune Papiertüten, fest verschlossen. 15 €, sagt die krakelige Filzstiftschrift darauf. Und auch hier frage ich mich: Was da wohl drin ist?

Mut

Selfie von mir im Schaufenster, Roter Schriftzug MUT

Aktuell noch interne Debatte über das Jahresmotto 2026. Nachdem Risiko mehrere Tage der Front Runner war, ich dann aber beschlossen habe, dass Risiko einfach in den allermeisten Fällen nicht mein Ding ist und es auch nicht sein wird, ist momentan hoch im Kurs: Mut. Zumindest ein bewussteres Abwägen seiner Notwendigkeit.

Dezember-Liste 2025

Collage: Backgammon, Grünkohl, Mandarine

  • M. steht im Türrahmen und putzt sich die Zähne. »Normalerweise nehme ich morgens Aronal und abends Elmex. So wie es sich gehört. Aber wenn ich einen schlechten Tag habe, gönne ich mir auch mal zweimal Aronal, das finde ich geschmacklich geiler.“
  • Abends gehen wir zu R. Er lebt in einer WG direkt an der Pinakothek; München wird mit jedem Besuch surrealer. Über den Abend hinweg landen elf Leute am Küchentisch und reden und trinken und lachen. Es ist laut und lustig, und man kann gut zwischen Mitreden und Zuhören wechseln. Einen Küchentisch so zu bespielen ist auch ein besonderes Talent.
  • E. kommt morgens verschlafen in die Küche und sagt ganz aufgekratzt: »Ich habe eine existenzielle Krise! Wegen des neuen Instagram-Reels von Werner Herzog. Ich bin unglücklich, weil ich so glücklich bin!!«
  • An den Weihnachtstagen sitzen wir auf der Couch, meine Mutter bringt mir Stricken bei. Sie ist eigentlich wenig für textile Handarbeiten zu begeistern, aber stricken kann sie, und verfällt dabei in ein mystisches Strick-Vokabular: abnehmen, zunehmen, glatt links, kraus rechts, abketten, abheben, usw. usf.
  • R. zeigt mir seine selbstgebauten Möbel und bringt mir Backgammon bei. Ähnlich wie das Stricken habe ich am Folgetag fast alles wieder vergessen, aber es hat Spaß gemacht, und ich will mehr.
  • Bei E. und S. bin ich zum Käsefondue eingeladen. Es gibt vorweg gedörrte Grünkohlblätter mit Sojasauce; sie sind kross und crunchy und voller Umami. Die beiden haben ein Talent dafür, aus wenigen guten Zutaten etwas Besonderes herzustellen. S. sagt, dass er dieses Jahr auf einiges verzichtet und dadurch Wertschätzung nochmal neu und besser gelernt hätte.
  • Zwischen den Jahren passieren viele mikroskopisch kleine Dinge, die eine merkwürdige Busyness herstellen, und so komme ich kaum dazu, das Jahr angemessen zu reflektieren. Vielleicht ist es okay. Vielleicht kommt jetzt einfach das nächste Jahr, und es geht weiter, und die Dinge räumen sich unterwegs auf. So ist es ja meistens.

Schimmernder Dunst über Oberhausen

Das Neubaugebiet, in dem meine Eltern wohnen, fühlt sich an wie der Ort aus Leif Randts „Schimmernder Dunst über Coby County“. Durch den glatt geteerten Weg in den neu angelegten Parks fahren die Rentner mit ihren E-Bikes. Ein leises Surren liegt in der immer-sommerlichen Luft. Am Wegesrand erblüht eine frisch gesäte Blumenwiese, daneben drehen drei Mädchen ein Video für TikTok. Am Horizont steht ein großer Gaskessel, im Westen wird gerade die letzte Baracke der Künstlerateliers abgerissen. Noch nie lag hier Müll auf der Straße, dafür ist hier alles viel zu neu.

Schlappohr

Mein Ohr macht schlapp, ich höre nur noch die Hälfte. Oft fühle ich mich wie unter einer Taucherglocke, die Töne dringen nur dumpf zu mir vor und ersticken dann. Gestern Abend im Gespräch mit meinen Nachbarn, da habe ich es wieder gemerkt. »Und, -ie l–f- es -it d– Re—vier-g?« Irgendwas mit Reservierung? Ich nicke freundlich und husche weiter. Die Welt klopft an, aber sie dringt nicht zu mir durch; und so dringe ich nicht zu ihr nach außen – still sitze ich da, schaue freundlich, aber auch etwas unbeteiligt drein. Die Leute müssen denken, ich sei langweilig. Andererseits: Sollen sie doch. Ich finde sie ja auch ab und an langweilig. Aber ich höre halt auch nur die Hälfte.

November-Liste 2025

Collage November 2025

  • Ich sitze im Taxi unterwegs nach Hause, es ist mitten in der Nacht. Im Nebel zieht die Siegessäule an mir vorbei, ein paar Gestalten rennen diebisch über den riesigen leeren großen Stern.
  • Im Starbucks stehen zwei junge Frauen vor mir an der Kasse. Sie sind ganz aufgeregt; ihr erster Besuch. Sie wollen die »mittlere Größe«. Grande?!, nuschelt der Barista genervt. Als er nach ihrem Namen fragt, denkt die eine, er flirtet mit ihr.
  • H. macht sich lustig über mich und meine Wärmflasche. »Christel hat wieder seine Regelschmerzen«, witzelt er. Ich liebe H. und ich liebe unseren Humor, aber meine Wärmflasche liebe ich auch!
  • Die Frau neben mir im Zug bearbeitet einen Text. Die Doppelseiten sind ausnahmslos gelb markiert. So wird das nix, denke ich, aber das Mindset »Alles ist interessant!« kann man auch niemandem verübeln.
  • A. und ich verbringen einen guten Nachmittag, und als wir am Ende auf die Uhr sehen, war sie stehen geblieben. Und das war fast ein bisschen zu viel des Guten, ein zu guter Moment. Die oberen Enden der Dinge muss man eigentlich immer abschneiden, sonst ist das Leben zu perfekt.
  • Lese mich durch mein Tagebuch, die vergangenen Monate, und denke ganz oft: Das war auch noch in diesem Monat?! Mein Leben fühlt sich oft an, als ob es auf mehreren Ebenen gleichzeitig und komplett anders verläuft. Mir reicht aber eigentlich eine einspurige Straße.
  • M. und ich begegnen uns überraschend bei der Schreibgruppe. Ich erzähle ihr, dass ich gerade gerade gerne in der Bahn eingeschlafen und unsichtbar geworden wäre. »Das wäre ein tolles Feature«, sage ich. »Was du willst ist ein Taxi«, antwortet sie nur trocken.