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Warum heißt es Traum und nicht Memoryschaum?


Buchcover mit dem Titel Warum heißt es Traum und nicht Memoryschaum von Gabriel Yoran und Christoph Rauscher

Warum heißt es Partnerbörse und nicht Bezirzamt? Warum heißt es Formel 1 und nicht Kunstrasen? Warum heißt es Zeitgefühl und nicht Uhrzeigersinn? Warum heißen die Dinge eigentlich, wie sie heißen? Mein Freund Gabriel Yoran ist Experte (!) darin, Begrifflichkeiten auf die Waagschale zu legen und zu eruieren, wie sie denn eigentlich noch heißen könnten. Was als unterhaltsames Twitterformat anfing (und seinen Lauf nahm), haben wir nun zu einem kleinen, schönen Buch gemacht. Einige seiner über hundert Wortwendungen habe ich illustriert, und ab jetzt könnt ihr es im Frohmann Verlag vorbestellen (es erscheint im November). Der Klappentext:

Gabriel Yoran rüttelt an Ausdrücken und Redewendungen, bis der Sinn herausfällt. Zusammen mit Christoph Rauschers charmanten Tuschezeichnungen fragt dieses Buch: Könnte nicht alles auch ganz anders heißen? Über hundert Fragen an alle, die Spaß an gesellschaftlich unbedenklicher Sprachverdrehung haben.

Das Buch erscheint nicht ohne Grund im Frohmann Verlag: Mit der Reihe Kleine Formen widmet sich Christiane Frohmann textlichen Phänomenen der Netzkultur. Gabriel hat bereits seine Ausprachehilfen dort veröffentlicht, und ich bin sehr stolz, dass wir dort nun auch einen gemeinsamen Titel vorweisen können!

In den letzten Jahren setzt sich die lange Geschichte der kleinen Formen auch im Netz fort: Aphorismen oder Witze bekommen neue, zeitgemäße Inhalte; früher in privaten Tagebüchern oder Briefen niedergeschriebene Alltags- und Augenblicksbeobachtungen werden instantan gemacht und im digitalen Resonanzraum veröffentlicht.

Das Netz vergisst nichts, aber es verbirgt vieles, wenn man nicht weiß, dass man danach suchen muss. Deshalb werden in der Frohmann-Reihe Kleine Formen besonders schöne und eigensinnige Kürzesttexte aus dem digitalen Flow herausgelöst und als schön gestaltetes Buch im guten Sinne festgehalten.

Das Buch ist ein super Geschenk für alle, die Spaß an Sprache und witzigen Illustrationen haben, und eignet sich hervorragend als Weihnachtsgeschenk. Jetzt vorbestellen!

Über Design-Gießkannen

Generell gilt ja: Alles, was im Namen „Design“ als Präfix trägt, sollte mit Vorsicht genossen werden. Diese Regel gilt besonders bei Alltags- und Haushaltsgegenständen. Auch renommierte Hersteller, die namenhafte Gestalterinnen und Gestalter beauftragen, toben sich unter dem Verkaufsargument „Design-Objekt“ oft richtig aus.

Ich habe neulich mein Zimmerpflanzen-Sortiment erweitert, und bin mittlerweile in ein Alter gekommen, in dem man die Pflanzen nicht mehr mit einer normalen Wasserfalsche gießen kann, sondern ein spezielles Gefäß mit schmaler, langer Öffnung und viel Fassungsvermögen benötigt. Als Ästhet kann ich aber natürlich nicht jede beliebige Gießkanne zu Hause haben – ein Designobjekt musste her. Hier die Favoriten meiner Recherche.

Watering Can from Alessi: Diva

Alessi: Diva

Wie immer enttäuscht Alessi nicht, wenn es um abstruse Ideen bei Alltagsgegenständen geht: Der Entwurf der »Diva« kommt vom finnischen Designer Eero Aarnio, der vor allem für die ikonischen Kugelsessel aus den 1960ern bekannt ist. Mir persönlich gefällt der Entwurf zwar nicht sonderlich gut (zu plump!), aber who am I to judge.

Watering Can from HAY

Hay: Watering Can

Sorry, Shane Schneck, aber wie uninspiriert kann man eine Gießkanne gestalten? Bei diesem Modell wirkt es, als hätte man einen alten Krug von Oma um ein ungelenk angebrachtes Rohr erweitert, und weil das nicht gehalten hat, musste noch so ein komisches Dreieck zur Stabilisierung angebracht werden. Uff.

Watering Can from Born in Sweden

Born in Sweden: Watering Can

Wer sich den Charme einer Autowerkstatt ins Wohnzimmer holen möchte, ist mit diesem Modell von Pascal Charmolu gut bedient: Edelstahl und Silikonschlauch verströmen schon beim Anblick einen gewöhnungsbedürftigen Benzingeruch. Der Schlauch ist nur mit einem Magnet befestigt, kann also gelöst werden, und die Pflanzen kann man somit punktgenau wässern – gar keine so üble Idee, ehrlich gesagt.

Watering Can from Northern: Grab

Northern: Grab

Kanne ohne Henkel: Stine Aas hat diese beiden Rohre für das Label Northern kombiniert. Die Farben sind super, und die sehr minimalistische Form schön unaufdringlich – aber da sie keinen Henkel hat, musste sie sehr leicht sein, also auch relativ kompakt – mehr als 0.7 Liter passen leider nicht rein.

Watering Can from Eva Solo: Aquastar

Eva Solo: AquaStar

Der abenteuerliche Name hat natürlich direkt meine Aufmerksamkeit geweckt, und auch bei der Formgebung ist nicht direkt klar: Handelt es sich womöglich um ein kosmetisches Gerät zum Dosieren von Cremes? Nicht ganz: Das Studio Tools hat diese sehr präzise Gießgerät entwickelt, und auch wenn die Form so absolut null Emotion in mir auslöst, scheint die schmale Tülle sehr praktisch zu sein.

Watering can: Magis PipeDreams

Magis: PipeDreams

Natürlich mein absoluter Favorit: Hundespielzeug, Sex Toy, oder Fernsprechgerät aus den 1970er Jahren? Nein! Jerszy Seymour hat für Magis dieses kuriose Objekt entworfen, das wohl leider in der Handhabung etwas unhandlich, aber im Regal sehr erheiternd wirkt. Ein echtes Designobjekt eben.

Die Stadt ist wach hinter Mauern aus Glas. Zehn Jahre Berlin

10 Jahre Berlin

Im Sommer 2009 sitzen mein Vater, Roman und ich in dem kleinen Dönerladen am Hertzbergplatz mit dem klingenden Namen Traumeck. Neukölln gilt als runtergekommener Stadtteil mit Potential; insgeheim wissen aber alle, dass hier die Mieten in den nächsten zehn Jahren um 99 Prozent steigen werden. Wir suchen eine Wohnung für Roman, Kathi und mich.

Ein paar Monate später, eigentlich genau jetzt vor zehn Jahren, sind wir dann gelandet: In einer WG in Neukölln, in einem Altbau mit riesigen, hohen Zimmern, mit kreativen Studienplätzen und vielen verrückten Phasen; wir haben unsere Leben komplett hierher verlegt, und wir sind immer noch hier. Ehrlich gesagt ist es in den allermeisten Aspekten meines Lebens so, als wäre ich nie woanders gewesen. Mit 17 kam ich her, und alles, was davor passiert ist, fühlt sich in der Retrospektive an, als wäre es nur so halb oder zumindest mit sehr wenig Elan passiert.

Stimmt natürlich nicht. Aber dennoch waren die letzten zehn Jahre mit die prägendsten in meinem Leben. Berlin ist immer noch die Stadt, die mich nicht los lässt; auch wenn sie mir regelmäßig auf den Kopf fällt. Um dieser Schwere entgegen zu wirken, hier eine leicht verdauliche Liste meiner letzten Dekade in dieser Stadt:

  • Das selbstbetitelte Album von The XX erscheint 2009, und es funktioniert immer noch – kaum etwas hat das erste neue Lebensjahr so vertont und verinnerlicht wie diese Musik.
  • Weekday war damals modisch das Aufregendste, was meinem Teenager-Körper passieren konnte. Und American Apparel sowieso – wie uns diese Firma 2009 alle in sehr enge Hosen und diese schrecklichen V-Ausschnitt-Shirts plus Opa-Cardigans gekleidet hat. Unfassbar.
  • Während heute die New Yorker Totebag das ultimative Hipsteraccessoire ist, war es 2009 definitiv der Do You Read Me?! Beutel. Wer von euch hat ihn noch?
  • Sowieso, Beutel: Was sollte das?! Alles wurde in Stoffbeuteln transportiert; auch wenn es viel zu viel und zu schwer und unhandlich war. Noch heute klemmt mir das Zetern meines Freundes B. im Ohr: »Lieber 20 Beutel als ein Rucksack!!!«
  • Meine Freundin J. hat mir zum Umzug damals eine Bauchtausche von Eastpak geschenkt – damit ich »in Neukölln zwischen den ganzen coolen Jungs nicht so raus falle«. Heute heißt sowas Dealerbag und ist ein nicht mehr wegzudenkendes Alltagsaccessoire für alle, die gerne rauchend oder kaffeetrinkend in Parks, Cafés, Agenturen und Clubs rumstehen.
  • À propos Clubs: 2009 wusste ich nicht mal, was das Berghain ist. Ein paar Jahre später ging ich jedes Wochenende ein und aus, um dann irgendwann zu merken, dass es doch auch sinnvollere Dinge gibt, die man an seinen freien Sonntagen machen kann. Selten hat mich ein Mythos aber so mitgerissen, und ich finde es sowohl albern als auch nach wie vor faszinierend.
  • Wenn es einen Club gibt, den ich wirklich vermisse, ist dass das NBI; das sich früher immer nach Wohnzimmer angefühlt hat. Hier war ich auf meiner ersten Berliner Party mit Kiwi, und hier hat das schönste Konzert von Me Succeeds stattgefunden. Der Ort (der jetzt ein Gravis-Store ist …) hat ein Nostalgie-Gefühl in sich, dass ich noch in 20, 40, 60 Jahren kennen werde.
  • Während mir zu Schulzeiten prophezeit wurde, dass ich eins dieser Ritalin-Opfer werden würde, die ihre Bedeutungssucht durch leistungssteigernde Mittel befriedigen, habe ich bisher stets die Finger von Drogen gelassen – und auch erst Jahre später gemerkt, dass ich damit einer der wenigen in dieser Stadt bin. Ich finde Drogen nicht mehr so schockierend und angsteinflößend wie früher, aber reizen tun sie mich genau so wenig wie damals. Gibt’s Ritalin überhaupt noch?!
  • Eine der schlimmsten Erinnerungen ist vermutlich die Silvesternacht auf der Warschauer Brücke. Im Nachhinein einfach ein sehr großer Faux-Pas aus Jugendlichkeit und Zugezogenen-Naivität.
  • Was immer noch nervt an dieser Stadt: Dass es in Parks keinen Rasen und keine Sitzgelegenheiten gibt.
  • Und dass man überall hin 30 Minuten braucht. Mindestens.
  • 10 Jahre Berlin sind auch: Eine Jugendliebe, zwei Umzüge, sehr viele Ballettstunden, dreieinhalb Jahre Agenturleben, zweieinhalb Jahre Therapie, zwei Studienabschlüsse, zwei Festanstellungen, ein geklautes Fahrrad, ein gebrochener Arm, drei Besuche in der Notaufnahme, einige merkwürdige Begegnungen, ein CSD-Besuch, eine Hand voll sehr guter, enger, neuer oder intensivierter Freundschaften, sechs Monate im Ausland, und so wenige Silvesterabende wie möglich in dieser Stadt.

Ob ich hier bleibe? Vor zehn Jahren hätte sich diese Frage nicht gestellt. Vor drei Jahren habe ich zum ersten mal gegrübelt, ob ich hier glücklich werden kann. Dieses Jahr sage ich: Für immer hier bleiben muss nicht sein. Aber solange hier alles ist, was ich liebe, gibt es keinen Grund, zu gehen. Also auf die nächsten Monate, oder Jahre, oder Dekaden.