Seit einigen Wochen scheint mich ein merkwürdiger Wachstumsschub zu durchfahren. Meine Hosen sind zu kurz, die Knöpfe lassen sich nur mit Mühe schließen. Mehrere T-Shirts sind zu eng; cartoonartig scheinen meine Oberarme zu dick für die Ärmel geworden zu sein. Albern und fast lächerlich, bin ich auch ein wenig stolz.
Passend dazu im Amsterdamer Rijksmuseum gesehen: Verschiedenste Kunstwerke, die Narcissus zeigen, wie er sein Spiegelbild in der Wasseroberfläche betrachtet. Alles, was er tun kann, ist, den Blick zu erhalten, nur so besteht die Illusion.
Wohlwissend, dass ich nun wieder regelmäßig ins Fitnessstudio gehe, spielt mir Instagram die merkwürdigsten Werbeanzeigen aus: »Die perfekte Zahnpasta für den Muskelaufbau! Du putzt dir 730 Mal im Jahr die Zähne. Was wenn diese zwei Minuten mehr für dich tun könnten?« Late-Stage Capitalism im Mundraum, nein danke.
In einem Amsterdamer Antiquariat entdecke ich eine riesige Brille (bestimmt einen Meter breit!), mit aufgemalten Augen. Ein skurriles Objekt, ich muss es haben. Natürlich kaufe ich es nicht. Traue mich nicht mal, nach dem Preis zu fragen. Seit einem Monat geht mir dieses Ding nun nicht mehr aus dem Kopf.
Wir spazieren durch Moabit und folgen intuitiv den glitzernden Kostümen. So landen wir im Publikum eines Rollschuhkunstlauf-Wettbewerbs: Junge Frauen (Mädchen!) in funkelnden Outfits rollen zu Boomer-Popmusik durch die Arena. Ich frage eine Person, die aussieht, als kenne sie sich aus, nach dem Bewertungssystem. »Bewertet wird Technik und Ausdruck. 10 ist super, 1 ist schon extrem schlecht.« Keine der Läuferinnen, die wir sehen, erhält mehr als 3 Punkte, aber alle jubeln und klatschen, die Stimmung ist albern und schön.
Vor dem Five Guys am Ku’damm steht eine Skulptur: ein riesiger Obelisk auf einer Metallkugel. Wir sitzen am Rand und essen Pommes, und gucken zu, wie drei junge Männer die Kugel anschieben und so zum Drehen bringen. Sie vereinen all ihre Kraft und bringen das Monument in Bewegung. Ein niedlicher Anblick, wie sie rennen und schieben und sich freuen und stolz sind. Einige Schaulustige bleiben stehen und sehen zu, so wie wir auch. Später am Abend gehe ich nochmal an der Kugel vorbei. Aus der Nähe ist sie wirklich riesig, drei Meter Durchmesser, nie im Leben hätte ich mich getraut, sie zu berühren – sofort wäre das Gefühl des Scheiterns über mich gekommen, ich konnte es schon spüren zwischen der Kugel und mir.
23:23 Uhr, ich liege draußen unter dem Himmel, über mir brettert der große Wagen vorbei.