Das Neubaugebiet, in dem meine Eltern wohnen, fühlt sich an wie der Ort aus Leif Randts „Schimmernder Dunst über Coby County“. Durch den glatt geteerten Weg in den neu angelegten Parks fahren die Rentner mit ihren E-Bikes. Ein leises Surren liegt in der immer-sommerlichen Luft. Am Wegesrand erblüht eine frisch gesäte Blumenwiese, daneben drehen drei Mädchen ein Video für TikTok. Am Horizont steht ein großer Gaskessel, im Westen wird gerade die letzte Baracke der Künstlerateliers abgerissen. Noch nie lag hier Müll auf der Straße, dafür ist hier alles viel zu neu.
I don’t fuck, I make love
Immer wieder denke ich an eine Szene im Film Frances Ha (2012), in der die Freundesgruppe darüber diskutiert, wer jetzt gerade mit wem Sex hatte. Francis wird gefragt: »And who did you fuck recently?« In meiner Erinnerung antwortet sie nur pikiert: »I don’t fuck. I make love.«
Diesen Satz fand ich gut. Relatable. Ein wenig kitschig und auch ein wenig verlogen, klar, aber als generelle Geisteshaltung doch irgendwie: gut.
Nun habe ich mir die Szene noch mal angeschaut, und sie sagt den Satz überhaupt nicht pikiert, sondern total beiläufig, als Nebensatz, gerade so, als würde sie sich über sich selbst lustig machen. Schade.
Schlappohr
Mein Ohr macht schlapp, ich höre nur noch die Hälfte. Oft fühle ich mich wie unter einer Taucherglocke, die Töne dringen nur dumpf zu mir vor und ersticken dann. Gestern Abend im Gespräch mit meinen Nachbarn, da habe ich es wieder gemerkt. »Und, -ie l–f- es -it d– Re—vier-g?« Irgendwas mit Reservierung? Ich nicke freundlich und husche weiter. Die Welt klopft an, aber sie dringt nicht zu mir durch; und so dringe ich nicht zu ihr nach außen – still sitze ich da, schaue freundlich, aber auch etwas unbeteiligt drein. Die Leute müssen denken, ich sei langweilig. Andererseits: Sollen sie doch. Ich finde sie ja auch ab und an langweilig. Aber ich höre halt auch nur die Hälfte.
November-Liste 2025

- Ich sitze im Taxi unterwegs nach Hause, es ist mitten in der Nacht. Im Nebel zieht die Siegessäule an mir vorbei, ein paar Gestalten rennen diebisch über den riesigen leeren großen Stern.
- Im Starbucks stehen zwei junge Frauen vor mir an der Kasse. Sie sind ganz aufgeregt; ihr erster Besuch. Sie wollen die »mittlere Größe«. Grande?!, nuschelt der Barista genervt. Als er nach ihrem Namen fragt, denkt die eine, er flirtet mit ihr.
- H. macht sich lustig über mich und meine Wärmflasche. »Christel hat wieder seine Regelschmerzen«, witzelt er. Ich liebe H. und ich liebe unseren Humor, aber meine Wärmflasche liebe ich auch!
- Die Frau neben mir im Zug bearbeitet einen Text. Die Doppelseiten sind ausnahmslos gelb markiert. So wird das nix, denke ich, aber das Mindset »Alles ist interessant!« kann man auch niemandem verübeln.
- A. und ich verbringen einen guten Nachmittag, und als wir am Ende auf die Uhr sehen, war sie stehen geblieben. Und das war fast ein bisschen zu viel des Guten, ein zu guter Moment. Die oberen Enden der Dinge muss man eigentlich immer abschneiden, sonst ist das Leben zu perfekt.
- Lese mich durch mein Tagebuch, die vergangenen Monate, und denke ganz oft: Das war auch noch in diesem Monat?! Mein Leben fühlt sich oft an, als ob es auf mehreren Ebenen gleichzeitig und komplett anders verläuft. Mir reicht aber eigentlich eine einspurige Straße.
- M. und ich begegnen uns überraschend bei der Schreibgruppe. Ich erzähle ihr, dass ich gerade gerade gerne in der Bahn eingeschlafen und unsichtbar geworden wäre. »Das wäre ein tolles Feature«, sage ich. »Was du willst ist ein Taxi«, antwortet sie nur trocken.
Haha
Ich habe in letzter Zeit beobachtet, wie ich bei lustigen Stellen in Filmen, Serien und Texten ohne Zurückhaltung lache. Manchmal sogar so richtig laut! Besonders wenn ich alleine bin, und mich dem Witz ganz hingeben kann. Ha ha ha! Ich sitze dann im Bett und jauchze bei der amüsanten Szene oder Stelle laut auf. Es ist sehr erleichternd! Kurz darauf komme ich mir merkwürdig und albern vor, aber dann ist es schon zu spät, und den Kicher-Genuss kann mir dann keiner mehr nehmen, nicht mal ich selbst.
Passend dazu ein Ohrwurm der letzten Wochen: Charlotte Adigéry & Bolis Pupul – HAHA (Bandcamp).
Oktober-Liste 2025

- Auf einer Party erzählt mir eine Frau, dass sie gerade ein Entführungstraining für ihren NGO-Job gemacht hat. Habe erst Führungstraining verstanden, langweilig, aber dann berichtete sie von Auto-Kidnapping, Schutz vor Waffengewalt und Umgang mit Bedrohungen. Dagegen ist jedes Führungstraining wirklich die reinste Langeweile.
- Meine Terrasse wird saniert. Dämmungs- und Kiesschichten werden abgetragen, die alten Platten werden zerkleinert und entsorgt. Der Abbruch dauert lange. Ich bin sicher: Gleich wird eine wertvolle Vase aus der Antike entdeckt, und ich muss die Wohnung räumen, und der ganze Prozess wird sich über Jahre hinziehen.
- Ich spreche mit dem Dachdecker. »Nochmal würde ich den Job nicht machen«, sagt er. Ich frage ihn, was das Schöne an seinem Beruf sei. »Naja, die Freiheit. Ick bin immer draußen. Und ick kann immer ’ne Zigarette beim Arbeiten rauchen, wann immer ick will.«
- Ich bin ehrlich: Nicht im eigenen Bett zu schlafen wird ab 30 einfach zu einer echten Herausforderung. Falsches Kissen, falsche Decke, falsche Morgenroutine. Das macht mein Körper alles nicht mehr mit!
- Nach dem Theaterbesuch irren wir noch etwas durch die Stadt, auf der Suche nach einer Bar. Samstags um 22 Uhr einen Tisch in einer Bar zu bekommen ist offenbar ein Ding der Unmöglichkeit, und war das schon immer so, oder liegt es doch einfach an mir? Mir fehlt die entspannte Bar-Abend-Aura!
- Ein Mann im Zug liest Herrndorfs Arbeit und Struktur. Er schaut kritisch und gebannt. Fühle ich so sehr.
- In letzter Sekunde versucht eine Frau noch, in die U-Bahn zu springen, aber die Tür schließt sich, und nur ihre eilig vorausgeworfene Tüte mit dem chinesischen Take-out schafft es hinein. Das Essen klemmt traurig in der Tür und reist alleine mit uns weiter.
- »Die Welt teilt sich in zwei Lager, die, die sich nehmen, was sie wollen, und die, die es nicht tun. Und wer interessiert sich schon für diese Langweiler?!«
September-Liste 2025

- Am Nebentisch in der Kneipe unterhalten sich Freunde über eine nicht anwesende Person. »We never know if she is normal or if she’s just acting normal…«
- Sonntag, 7. September 2025, 21.30 Uhr. Wir strecken uns aus dem Fenster und schauen nach dem Blutmond. Nichts. Dann gucken wir ihn im Livestream auf YouTube, das geht wesentlich besser.
- P. fragt sich, ob ich womöglich gar nicht echt sei, sondern lediglich sein imaginärer Freund. Ich überlege, wie ich meine Echtheit ihm gegenüber verifizieren könnte. Der Gedankengang erinnert mich an unsere laufende Debatte darüber, ob wir denn nun in einer Simulation leben oder nicht, und ob P. und ich in der gleichen stecken, oder ob es womöglich zwei verschiedene sind.
- »Hab dich lange nicht mehr gesehen. Du siehst irgendwie ungleichmäßig aus im Gesicht.« Was man nicht hören will, wenn man Feierabends vor der Kneipe sitzt und den Tag verdaut.
- Im Hof der Neuköllner Oper: Eine junge Frau im beigen Trenchcoat und großem aufgeklebten Schnurrbart schwingt ihre braune Ledertasche und setzt sich neben ihren Freund ins Publikum (provisorische Bierbankbestuhlung). Alles super.
- Z. schreibt seine Gefühle auf kleine Zettel und lehnt sie neben den Bildschirm auf dem Schreibtisch, immer im Blick.
- Durchsage im ICE von Leipzig nach München: In Wagen 6 wird ein Notarzt benötigt. Fast alle Fahrgäste stürmen zum Wagen 6. Fünf Minuten später nochmal eine Durchsage: »Vielen Dank für die zahlreichen Hilfsangebote, wir haben jemanden gefunden. Bitte setzen Sie sich wieder.« So endet der Viszeralmedizin-Kongress Leipzig 2025.
- Im Vorbeigehen höre ich einen Mann zu seinem Kumpel sagen: »Ich bin jetzt wieder mit der Welt versöhnt.« Es wurmt mich immer noch, dass ich nicht weiß, was zum Ungleichgewicht und was zur Versöhnung geführt hat.
- Budenzauber, das ist das Wort und das Gefühl, das mich überkommt, als ich mich (mich, of all people!) auf dem Oktoberfest wiederfinde. Alle sind so fröhlich und fesch und alles leuchtet, und ich komme mir ganz einfach und unkompliziert vor. Ein schönes Gefühl.
- Im Zug auf meiner Heimfahrt erklärt eine Frau ihrer jungen Tochter: »Wenn du von Angst überfallen wirst, atme einfach fünfmal ganz tief ein und aus. Und dann wirst du sehen dass die Angst weg ist!« Wünsche beiden so sehr, dass das für sie funktioniert.