2. Dezember 2013

Bernauer Straße

Im InterCity Express Richtung München. Die Frau in der Sitzbank schräg gegenüber von mir leckt mit Genuss den Deckel ihres Joghurtbechers ab. Sie ist hager, hat graues, langes Haar und sieht nicht wirklich gesund aus. Joghurtbecherdeckel ablecken ist ja bekanntlich auch nicht gesund.

Ich frage mich, warum es mir so schrecklich schwer fällt, mich mit Fremden zu unterhalten. Meinen Tischplatz teile ich mit einem Mann Ende 20, mit Schwarzer Denkerbrille, Dreitagebart und traurigem Blick. Auf dem Tisch hat er ein Notebook, eine Ledertasche und ein Notizbuch mit der Aufschrift »Bernauer Strasse« ausgebreitet. Manchmal guckt er verlegen aus dem Fenster.

Wir hätten sicher ein paar bereichernde Sätze zu wechseln. Ich glaube, er arbeitet an einem Film. Er schreibt jedenfalls viel. Und er liest »We have to talk about Kevin«. Ich weiß nur nicht, wie ich das Gespräch eröffnen soll – und vor allem nicht, wie ich es länger als drei Minuten am Leben erhalten könnte. In solcherlei Situationen habe ich irgendwie Angst vor Menschen. Vor seiner Expertise in Sachen Film, Bernauer Straße und Grübeln. Vielleicht ist es auch mehr die Stille, die immer folgt, die ich nicht mag; vor der ich schon mal vorsichtshalber Angst habe.