Mein erster Atemzug

Mit etwa fünf Jahren begann ich zu atmen. An den Wochenenden, meist am Sonntag morgen, kaperten mein Bruder und ich das Ehebett meiner Eltern. Wir setzen unsere Taucherbrillen auf und die Bettdecken verwandelten sich in ein tosendes Meer; ein wilder Ozean aus Daunen, Kissen und familiärer Wärme. Nach dem Spiel lagen wir dann immer noch eine Weile mit den Eltern im Bett, ganz entspannt, die Ruhe nach dem Sturm. Da beobachtete ich es. Meine Bauchdecke bewegte sich langsam auf und ab. Ich spürte die Luft, die ich in meinem Körper sog, und die dann wieder herausströmte. Ich lag nur da und beobachtete die Bewegung meines Bauches. Das war das erste Mal; meine ersten Atmenzüge.

Noch heute vergesse ich manchmal über Minuten oder gar Stunden das Atmen. Meine Atmung ist pausiert, erst ein bewusster Gedanke daran lässt mich nach Luft schnappen und den Sauerstoff einmal auswechseln. Wie auf Sparflamme bewege ich mich so durchs Leben, sauerstoffarm, ja beinahe luftleer.