{"id":2485,"date":"2021-05-16T11:18:37","date_gmt":"2021-05-16T09:18:37","guid":{"rendered":"https:\/\/christowski.de\/blog\/?p=2485"},"modified":"2022-11-15T20:36:51","modified_gmt":"2022-11-15T18:36:51","slug":"arbeit-und-struktur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christowski.de\/blog\/2021\/05\/arbeit-und-struktur\/","title":{"rendered":"Arbeit und Struktur"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2490 size-large\" style=\"max-width: 320px;\" src=\"https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/arbeit-und-struktur-700x989.jpg\" alt=\"Buchcover \u00bbArbeit und Struktur\u00ab\" width=\"700\" height=\"989\" srcset=\"https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/arbeit-und-struktur-700x989.jpg 700w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/arbeit-und-struktur-250x353.jpg 250w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/arbeit-und-struktur-768x1085.jpg 768w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/arbeit-und-struktur-120x170.jpg 120w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/arbeit-und-struktur.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Viel zu sp\u00e4t (8 Jahre, um genau zu sein) lese ich Wolfgang Herrndorfs postum ver\u00f6ffentlichtes Tagebuch-Blog \u00bbArbeit und Struktur\u00ab. Von dem Autor, der 2010 eine Glioblastom-Diagnose bekam und der sich deshalb 2013 selbstbestimmt das Leben nahm, hatte ich bisher nur \u00bbTschick\u00ab gelesen. Das fand ich, damals, <em>ganz okay.<\/em> Ich wusste aber, weil ich es immer mal wieder irgendwo aufschnappte, dass \u00bbArbeit und Struktur\u00ab als sein treffenderes Werk gehandelt wird. Und es hat mich absolut fertig gemacht; ich fand es gro\u00dfartig.<\/p>\n<p>Das Format: Tagebucheintr\u00e4ge, urspr\u00fcnglich als <a href=\"https:\/\/www.wolfgang-herrndorf.de\">Blog<\/a> geschrieben; vielleicht eins meiner liebsten Textformate. Die N\u00fcchternheit des Autors haben mich w\u00fctend gemacht; sein Blick f\u00fcr Details neidisch; der Fokus, mit dem er die Welt beschreibt ansteckend. Habe danach reflexhaft selbst komplett trocken, analytisch und in einer \u00fcbertriebenen F\u00fclle wieder Tagebuch geschrieben.<\/p>\n<p>Hier sind einige Annotationen aus meiner Ausgabe:<\/p>\n<blockquote><p>Neben Passig und Hubrich ist Cornelius derjenige, bei dem es mich am meisten schmerzt, nicht zu wissen, wo er in zehn Jahren sein wird. Dieses unfassbare Potenzial, das nirgends hinsteuert. Vielleicht sitzt er dann bei Alexander Kluge. Oder versackt in Princeton. Oder redet weiter im Prassnik Leute an die Wand. (S.\u00a045)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Wissen, dass das Leben vermutlich nicht mehr l\u00e4nger als ein paar Monate oder Jahre dauern wird, vermisst die Dinge neu. Vor allem misst man sich wohl nicht mehr so sehr mit der Welt. Wo werden meine Freunde in zehn Jahren sein?<\/p>\n<blockquote><p>Passig kommt zum Korrekturlesen f\u00fcr den fertigen Roman vorbei. (S.\u00a064)<\/p><\/blockquote>\n<p>Immer wieder schreibt Herrndorf davon, wie er und seine Freunde durch die Arbeit (vor allem an Texten) verbunden sind. Das ist f\u00fcr mich die sch\u00f6nste Vorstellung: Wie Freunde vorbei kommen, um gemeinsam zu arbeiten, wom\u00f6glich sogar bei der eigenen Arbeit helfen. Die eigenen Texte gegenlesen. Das ist mir zuletzt zu Unizeiten vor zehn Jahren passiert, und ich vermisse es.<\/p>\n<blockquote><p>Die Bewegung tut dem K\u00f6rper gut, trotzdem heute wieder den ganzen Tag in Gedanken. Dann ist es nur eine Arml\u00e4nge bis zum Wahnsinn und noch zwei Fingerbreit zum Nichts. Ich muss nur die Hand ausstrecken. Es wundert mich, dass es den anderen nicht so geht. (S.\u00a074)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Wahnsinnssatz, den man vielleicht ein bisschen nachf\u00fchlen kann, wenn man es kennt, sich in Gedankenstrudeln zu verlieren.<\/p>\n<blockquote><p>Der einfachste Weg zu gutem Stil: Sich vorher \u00fcberlegen, was man sagen will. Dann sagt man es einfach, und wenn es einem dann zu einfach erscheint, kann das zwei Gr\u00fcnde haben. Erstens, die Sprache ist nicht aufgeladen genug von ihrem Gegenstand, oder der Gedanke ist so einfach, dass er einen selbst nicht interessiert. In diesem Fall l\u00f6scht man ihn. (S.\u00a0284)<\/p><\/blockquote>\n<p>Gilt eigentlich f\u00fcr alles, was man macht und ver\u00f6ffentlichen will. Ich w\u00fcnschte, dieses Mantra w\u00fcrden die Menschen auf Twitter wieder mehr verinnerlichen.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdig und sch\u00f6n sind vor allem die Gedichte, die Herrndorf hier und da einstreut (z.B. S.\u00a0420):<\/p>\n<blockquote><p>Niemand kommt an mich heran<br \/>\nbis an die Stunde meines Todes.<br \/>\nUnd auch dann wird niemand kommen.<br \/>\nNichts wird kommen, und es ist in meiner Hand.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, Rowohlt 2013<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viel zu sp\u00e4t (8 Jahre, um genau zu sein) lese ich Wolfgang Herrndorfs postum ver\u00f6ffentlichtes Tagebuch-Blog \u00bbArbeit und Struktur\u00ab. Von dem Autor, der 2010 eine Glioblastom-Diagnose bekam und der sich deshalb 2013 selbstbestimmt das Leben nahm, hatte ich bisher nur \u00bbTschick\u00ab gelesen. Das fand ich, damals, ganz okay. 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