{"id":2136,"date":"2019-10-31T22:39:08","date_gmt":"2019-10-31T20:39:08","guid":{"rendered":"https:\/\/christowski.de\/blog\/?p=2136"},"modified":"2022-11-15T20:36:52","modified_gmt":"2022-11-15T18:36:52","slug":"zehn-jahre-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christowski.de\/blog\/2019\/10\/zehn-jahre-berlin\/","title":{"rendered":"Die Stadt ist wach hinter Mauern aus Glas. Zehn Jahre Berlin"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"800\" class=\"alignnone size-full wp-image-2137\" src=\"https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/10jahreberlin.jpg\" alt=\"10 Jahre Berlin\" srcset=\"https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/10jahreberlin.jpg 1200w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/10jahreberlin-250x167.jpg 250w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/10jahreberlin-768x512.jpg 768w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/10jahreberlin-700x467.jpg 700w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/10jahreberlin-120x80.jpg 120w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/p>\n<p class=\"p1\">Im Sommer 2009 sitzen mein Vater, Roman und ich in dem kleinen D\u00f6nerladen am Hertzbergplatz mit dem klingenden Namen <em>Traumeck.<\/em> Neuk\u00f6lln gilt als runtergekommener Stadtteil mit Potential; insgeheim wissen aber alle, dass hier die Mieten in den n\u00e4chsten zehn Jahren um <a href=\"https:\/\/interaktiv.morgenpost.de\/berlinmieten\/\">99 Prozent<\/a> steigen werden. Wir suchen eine Wohnung f\u00fcr Roman, Kathi und mich.<\/p>\n<p class=\"p1\">Ein paar Monate sp\u00e4ter, eigentlich genau jetzt vor zehn Jahren, sind wir dann gelandet: In einer WG in Neuk\u00f6lln, in einem Altbau mit riesigen, hohen Zimmern, mit kreativen Studienpl\u00e4tzen und vielen verr\u00fcckten Phasen; wir haben unsere Leben komplett hierher verlegt, und wir sind immer noch hier. Ehrlich gesagt ist es in den allermeisten Aspekten meines Lebens so, als w\u00e4re ich nie woanders gewesen. Mit 17 kam ich her, und alles, was davor passiert ist, f\u00fchlt sich in der Retrospektive an, als w\u00e4re es nur so halb oder zumindest mit sehr wenig Elan passiert.<\/p>\n<p class=\"p1\">Stimmt nat\u00fcrlich nicht. Aber dennoch waren die letzten zehn Jahre mit die pr\u00e4gendsten in meinem Leben. Berlin ist immer noch die Stadt, die mich nicht los l\u00e4sst; auch wenn sie mir regelm\u00e4\u00dfig auf den Kopf f\u00e4llt. Um dieser Schwere entgegen zu wirken, hier eine leicht verdauliche Liste meiner letzten Dekade in dieser Stadt:<\/p>\n<ul class=\"ul1\">\n<li class=\"li1\">Das selbstbetitelte Album von The XX erscheint 2009, und es funktioniert immer noch \u2013 kaum etwas hat das erste neue Lebensjahr so vertont und verinnerlicht wie diese Musik.<\/li>\n<li class=\"li1\">Weekday war damals modisch das Aufregendste, was meinem Teenager-K\u00f6rper passieren konnte. Und American Apparel sowieso \u2013 wie uns diese Firma 2009 alle in sehr enge Hosen und diese schrecklichen V-Ausschnitt-Shirts plus Opa-Cardigans gekleidet hat. Unfassbar.<\/li>\n<li class=\"li1\">W\u00e4hrend heute die New Yorker Totebag das ultimative Hipsteraccessoire ist, war es 2009 definitiv der <em>Do You Read Me?!<\/em> Beutel. Wer von euch hat ihn noch?<\/li>\n<li class=\"li1\">Sowieso, Beutel: Was sollte das?! Alles wurde in Stoffbeuteln transportiert; auch wenn es viel zu viel und zu schwer und unhandlich war. Noch heute klemmt mir das Zetern meines Freundes B. im Ohr: \u00bbLieber 20 Beutel als ein Rucksack!!!\u00ab<\/li>\n<li class=\"li1\">Meine Freundin J. hat mir zum Umzug damals eine Bauchtausche von Eastpak geschenkt \u2013 damit ich \u00bbin Neuk\u00f6lln zwischen den ganzen coolen Jungs nicht so raus falle\u00ab. Heute hei\u00dft sowas Dealerbag und ist ein nicht mehr wegzudenkendes Alltagsaccessoire f\u00fcr alle, die gerne rauchend oder kaffeetrinkend in Parks, Caf\u00e9s, Agenturen und Clubs rumstehen.<\/li>\n<li class=\"li1\">\u00c0 propos Clubs: 2009 wusste ich nicht mal, was das Berghain ist. Ein paar Jahre sp\u00e4ter ging ich jedes Wochenende ein und aus, um dann irgendwann zu merken, dass es doch auch sinnvollere Dinge gibt, die man an seinen freien Sonntagen machen kann. Selten hat mich ein Mythos aber so <a href=\"https:\/\/christowski.de\/blog\/2012\/08\/rituale-des-verschwindens-concerning-berghain\/\">mitgerissen<\/a>, und ich finde es sowohl albern als auch nach wie vor faszinierend.<\/li>\n<li class=\"li1\">Wenn es einen Club gibt, den ich wirklich vermisse, ist dass das NBI; das sich fr\u00fcher immer nach Wohnzimmer angef\u00fchlt hat. Hier war ich auf meiner ersten Berliner Party mit Kiwi, und hier hat das sch\u00f6nste Konzert von <em>Me Succeeds<\/em> stattgefunden. Der Ort (der jetzt ein Gravis-Store ist \u2026) hat ein Nostalgie-Gef\u00fchl in sich, dass ich noch in 20, 40, 60 Jahren kennen werde.<\/li>\n<li class=\"li1\">W\u00e4hrend mir zu Schulzeiten prophezeit wurde, dass ich eins dieser Ritalin-Opfer werden w\u00fcrde, die ihre Bedeutungssucht durch leistungssteigernde Mittel befriedigen, habe ich bisher stets die Finger von Drogen gelassen \u2013 und auch erst Jahre sp\u00e4ter gemerkt, dass ich damit einer der wenigen in dieser Stadt bin. Ich finde Drogen nicht mehr so schockierend und angsteinfl\u00f6\u00dfend wie fr\u00fcher, aber reizen tun sie mich genau so wenig wie damals. Gibt\u2019s Ritalin \u00fcberhaupt noch?!<\/li>\n<li class=\"li1\">Eine der schlimmsten Erinnerungen ist vermutlich die Silvesternacht auf der Warschauer Br\u00fccke. Im Nachhinein einfach ein sehr gro\u00dfer Faux-Pas aus Jugendlichkeit und Zugezogenen-Naivit\u00e4t.<\/li>\n<li class=\"li1\">Was immer noch nervt an dieser Stadt: Dass es in Parks keinen Rasen und keine Sitzgelegenheiten gibt.<\/li>\n<li class=\"li1\">Und dass man \u00fcberall hin 30 Minuten braucht. Mindestens.<\/li>\n<li class=\"li1\">10 Jahre Berlin sind auch: Eine Jugendliebe, zwei Umz\u00fcge, sehr viele Ballettstunden, dreieinhalb Jahre Agenturleben, zweieinhalb Jahre Therapie, zwei Studienabschl\u00fcsse, zwei Festanstellungen, ein geklautes Fahrrad, ein gebrochener Arm, drei Besuche in der Notaufnahme, einige merkw\u00fcrdige Begegnungen, ein CSD-Besuch, eine Hand voll sehr guter, enger, neuer oder intensivierter Freundschaften, sechs Monate im Ausland, und so wenige Silvesterabende wie m\u00f6glich in dieser Stadt.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p1\">Ob ich hier bleibe? Vor zehn Jahren h\u00e4tte sich diese Frage nicht gestellt. Vor drei Jahren habe ich zum ersten mal gegr\u00fcbelt, ob ich hier gl\u00fccklich werden kann. Dieses Jahr sage ich: F\u00fcr immer hier bleiben muss nicht sein. Aber solange hier alles ist, was ich liebe, gibt es keinen Grund, zu gehen. Also auf die n\u00e4chsten Monate, oder Jahre, oder Dekaden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sommer 2009 sitzen mein Vater, Roman und ich in dem kleinen D\u00f6nerladen am Hertzbergplatz mit dem klingenden Namen Traumeck. Neuk\u00f6lln gilt als runtergekommener Stadtteil mit Potential; insgeheim wissen aber alle, dass hier die Mieten in den n\u00e4chsten zehn Jahren um 99 Prozent steigen werden. Wir suchen eine Wohnung f\u00fcr Roman, Kathi und mich. Ein <a href=\"https:\/\/christowski.de\/blog\/2019\/10\/zehn-jahre-berlin\/\" class=\"more-link\">&#8230;<span class=\"screen-reader-text\">  Die Stadt ist wach hinter Mauern aus Glas. 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