{"id":2122,"date":"2019-10-01T16:28:35","date_gmt":"2019-10-01T14:28:35","guid":{"rendered":"https:\/\/christowski.de\/blog\/?p=2122"},"modified":"2022-11-15T20:36:52","modified_gmt":"2022-11-15T18:36:52","slug":"rilke-das-stunden-buch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christowski.de\/blog\/2019\/10\/rilke-das-stunden-buch\/","title":{"rendered":"Rilke: Das Stunden-Buch"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_2128\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2128\" class=\"wp-image-2128 size-full\" src=\"https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/stundenbuch-inselverlag.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"563\" srcset=\"https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/stundenbuch-inselverlag.jpg 1000w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/stundenbuch-inselverlag-250x141.jpg 250w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/stundenbuch-inselverlag-768x432.jpg 768w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/stundenbuch-inselverlag-700x394.jpg 700w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/stundenbuch-inselverlag-120x68.jpg 120w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-2128\" class=\"wp-caption-text\">Cover zu Rilkes Stunden-Buch als Insel Taschenbuch; gestaltet von Willy Fleckhaus, der auch f\u00fcr das ikonische Design der Suhrkamp-Taschenb\u00fccher verantwortlich ist.<\/p><\/div>\n<p>Jahrelang hing \u00fcber dem Schreibtisch meines Jugendzimmers ein St\u00fcck Karton, auf dem ein Vers aus Rilkes Gedichtzyklus Das Stunden-Buch stand. Ich erinnere mich nicht, woher ich die Zeilen hatte, vielleicht aus einem Film oder einer Deutschstunde, jedenfalls haben sie sich fest in meinen Kopf gebrannt. Und ohne ihre genaue Bedeutung oder ihren Kontext zu verstehen, hielt ich sie f\u00fcr relevant oder sch\u00f6n genug, um jeden Tag daran erinnert zu werden:<\/p>\n<blockquote><p>L\u00f6sch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,<br \/>\nwirf mir die Ohren zu: ich kann dich h\u00f6ren,<br \/>\nund ohne F\u00fc\u00dfe kann ich zu dir gehn,<br \/>\nund ohne Mund noch kann ich dich beschw\u00f6ren.<br \/>\nBrich mir die Arme ab, ich fasse dich<br \/>\nmit meinem Herzen wie mit einer Hand,<br \/>\nhalt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,<br \/>\nund wirfst du in mein Hirn den Brand,<br \/>\nso werd ich dich auf meinem Blute tragen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich kenne mich mit Gedichten nicht aus; meistens finde ich es schwierig sie \u00fcberhaupt richtig zu lesen. Am ehesten funktioniert Lyrik f\u00fcr mich als Vortrag; so h\u00f6rt man immerhin, welche Stimmung intendiert war. Und je mehr ich \u00fcber den Kontext des Stunden-Buchs lese, desto weniger r\u00e4soniert es mit mir: Ein Gro\u00dfteil im Buch dreht sich im Rilkes Beziehung zu Gott (<em>Stundenb\u00fccher<\/em> oder <em>Horarien<\/em> nannte man Gebetsb\u00fccher zum Stundengebet).<\/p>\n<blockquote><p>Wenn du der Tr\u00e4umer bist, bin ich dein Traum.<br \/>\nDoch wenn du wachen willst, bin ich dein Wille<br \/>\nund werde m\u00e4chtig aller Herrlichkeit<br \/>\nund r\u00fcnde mich wie eine Sternenstille<br \/>\n\u00fcber der wunderlichen Stadt der Zeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr Laien wie mich funktionieren die meisten Verse aber auch ohne religi\u00f6sen Kontext. Fast besser noch: Die rhythmische Sprache kann gelesen werden wie eine Andacht, aber an das Leben selbst, oder an eine Person, oder sogar an sich selbst:<\/p>\n<blockquote><p>Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,<br \/>\nund will niemals blind sein oder zu alt<br \/>\num dein schweres, schwankendes Bild zu halten.<br \/>\nIch will mich entfalten.<br \/>\nNirgends will ich gebogen bleiben,<br \/>\ndenn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.<br \/>\nUnd ich will meinen Sinn<br \/>\nwahr vor dir. Ich will mich beschreiben<br \/>\nwie ein Bild das ich sah,<br \/>\nlange und nah,<br \/>\nwie ein Wort, das ich begriff,<br \/>\nwie meinen t\u00e4glichen Krug,<br \/>\nwie meiner Mutter Gesicht,<br \/>\nwie ein Schiff,<br \/>\ndas mich trug<br \/>\ndurch den t\u00f6dlichsten Sturm.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich habe die Zeilen damals alle als Liebesgedichte gelesen. Ganz ohne Gottesbezug, sondern mit dem Gedanken an eine Person; als weltliche Ansprache. Und auch jetzt, wo ich mehr Kontext zu den Gedichten habe, denke ich beim Lesen sofort an Personen \u2013 nicht immer an eine bestimmte, aber doch immer an eine direkte Beziehung zu sich oder anderen. Die Vehemenz; die kompromisslose Zugewandtheit der Verse ist das, was mich jedes Mal erschaudern l\u00e4sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahrelang hing \u00fcber dem Schreibtisch meines Jugendzimmers ein St\u00fcck Karton, auf dem ein Vers aus Rilkes Gedichtzyklus Das Stunden-Buch stand. Ich erinnere mich nicht, woher ich die Zeilen hatte, vielleicht aus einem Film oder einer Deutschstunde, jedenfalls haben sie sich fest in meinen Kopf gebrannt. 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