{"id":1995,"date":"2019-01-26T12:02:30","date_gmt":"2019-01-26T10:02:30","guid":{"rendered":"https:\/\/christowski.de\/blog\/?p=1995"},"modified":"2022-11-15T20:36:53","modified_gmt":"2022-11-15T18:36:53","slug":"mein-persoenliches-rauchverbot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christowski.de\/blog\/2019\/01\/mein-persoenliches-rauchverbot\/","title":{"rendered":"Mein pers\u00f6nliches Rauchverbot"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"525\" class=\"alignnone size-large wp-image-1996\" src=\"https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Pfaller-Wofuer-es-sich-zu-leben-lohnt-700x525.jpg\" alt=\"Bild von Robert Pfallers Buch \u00bbWof\u00fcr es sich zu leben lohnt\u00ab\" srcset=\"https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Pfaller-Wofuer-es-sich-zu-leben-lohnt-700x525.jpg 700w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Pfaller-Wofuer-es-sich-zu-leben-lohnt-250x188.jpg 250w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Pfaller-Wofuer-es-sich-zu-leben-lohnt-768x576.jpg 768w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Pfaller-Wofuer-es-sich-zu-leben-lohnt-120x90.jpg 120w, https:\/\/christowski.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Pfaller-Wofuer-es-sich-zu-leben-lohnt.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Schon vor zwei Jahren erz\u00e4hlte ich in meinem Bekanntenkreis freudig von meinem Vorsatz, nun endlich mit dem Rauchen anfangen zu wollen. Wollte ich nat\u00fcrlich nicht wirklich, aus den offensichtlichen Gr\u00fcnden: Rauchen stinkt, ist ungesund, und dazu noch ziemlich teuer.<\/p>\n<p>Leider finde ich aber auch, dass die Aura des Rauchers eine sehr Erhabene ist; sie setzt ihn auf eine h\u00f6here Ebene, von der aus er herabschauen kann auf die Uncoolen, die Unentspannten; die, die sich vom Nichtstun stressen lassen. Der Raucher steht w\u00e4hrenddessen l\u00e4ssig mit einer Fluppe zwischen den Fingern an die Hauswand gelehnt und vernebelt sich in giftigem Rauch, mit dem er seinem Umfeld desinteressiert zu verstehen gibt: Ich bin cool genug f\u00fcr dieses Risiko. Ich nehme mich selbst nicht zu ernst (und gleichzeitig doch sehr).<\/p>\n<p>Der Philosoph Robert Pfaller beobachtet in seinem Buch <em>Wof\u00fcr es sich zu leben lohnt<\/em> dieses Ph\u00e4nomen der zur Schau gestellten Exzesse: Sie \u00bbgeschehen offenbar aus Furcht, die Anderen k\u00f6nnten glauben, wir h\u00e4tten keinen Spa\u00df, wenn sie ihn nicht sehen\u00ab (S. 58). Und genau das will ich heimlich: Wahrgenommen werden als jemand, der ordentlich Spa\u00df haben kann.<\/p>\n<h3>Ein Fachbegriff f\u00fcr maximale Verspanntheit<\/h3>\n<p>Und gleichzeitig: als jemand, der diesen Spa\u00df nicht braucht. Ich habe es nat\u00fcrlich probiert mit dem Rauchen: Heimlich sa\u00df ich nachts am Fenster und zog an einer Zigarette; \u00fcbte, sie l\u00e4ssig zwischen den Fingern zu halten und suchte nach einem Weg, ihren Rauch einigerma\u00dfen \u00e4sthetisch auszuatmen, ohne dass etwas davon in meine Wohnung geriet. Vor anderen Leuten kann ich das aber nicht; zu albern komme ich mir dabei vor, zu sehr verpasst mir die Zigarette ein Gef\u00fchl des Schwindels; eine maximale Verspanntheit.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr diese Unlockerheit hat Pfaller die passende Herleitung: Er nennt sie eine \u00bbbiopolitische Mentalit\u00e4t\u00ab; ein Haushalten mit dem Genuss, der Verschwendung. Im gleichen Atemzug nimmt er das auch scharf in die Kritik: Wer sparsam sei, gehe mit dem Leben um, als w\u00e4re es bereits vorbei (S. 172). Im Verschwenden liege die Kultiviertheit der sch\u00f6nen Momente. Das Risiko birgt Lebendigkeit, das Verbotene den Genuss.<\/p>\n<h3>Lob der Unvernunft<\/h3>\n<p><em>Wof\u00fcr es sich zu leben lohnt<\/em> ist ein gut 250 Seiten langes Lob der Unvernunft, eine sachliche Er\u00f6rterung des Verbotenen, eine detaillierte Sammlung aller Momente, auf die ich bisher aus <em>biopolitischer Mentalit\u00e4t<\/em> heraus verzichtet habe. Ich werde vermutlich kein Raucher mehr in diesem Leben. Das ist auch besser so, aber die ein oder andere Seite des Buches hat durchaus meine Einstellung zum Laster ver\u00e4ndert: \u00bbDas Zerrbild des Genusses ist die S\u00fcnde\u00ab (S. 52), und ich stelle fest: F\u00fcr mich ist schon allzuoft der Genuss an sich die S\u00fcnde. W\u00e4hrend der Rest der Menschheit am Samstagabend ein nettes Glas Rotwein in seiner Hand schwenkt, klammere ich mich an einem Wasserglas (ohne Sprudel) fest. Mein Leben als Zerrbild!<\/p>\n<p>Das wird vor allem deutlich, wenn ich dabei \u2013 als witzige Geschichte verpackt \u2013 meinen Freunden erz\u00e4hle, nun endlich mit dem Rauchen anfangen zu wollen: In meinem Kopf ist diese Idee der blanke Wahnsinn, vollkommen unvern\u00fcnftig und bescheuert. Gleichzeitig stecken sich ja immer noch ein Drittel meiner Altersgenossen regelm\u00e4\u00dfig eine Kippe zwischen die Lippen, und niemand hindert mich daran es ihnen gleich zu tun. Aber irgendwie: nein. Ich bleibe vorerst beim <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/Brdj4qhno5d\/\">Bleistift in Zigarettenform<\/a>, und romantisiere weiterhin die Figur des rauchenden Schreibenden. Vielleicht auch noch etwas mehr als vorher.<\/p>\n<p>Robert Pfaller: <em>Wof\u00fcr es sich zu leben lohnt<\/em> (S. Fischer Verlag, 2011)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon vor zwei Jahren erz\u00e4hlte ich in meinem Bekanntenkreis freudig von meinem Vorsatz, nun endlich mit dem Rauchen anfangen zu wollen. Wollte ich nat\u00fcrlich nicht wirklich, aus den offensichtlichen Gr\u00fcnden: Rauchen stinkt, ist ungesund, und dazu noch ziemlich teuer. 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