Mai-Liste 2026

Collage: Selfie im Aufzug, Museum in Amsterdam, Bananen, ein Haus mit Blumen

  • Seit einigen Wochen scheint mich ein merkwürdiger Wachstumsschub zu durchfahren. Meine Hosen sind zu kurz, die Knöpfe lassen sich nur mit Mühe schließen. Mehrere T-Shirts sind zu eng; cartoonartig scheinen meine Oberarme zu dick für die Ärmel geworden zu sein. Albern und fast lächerlich, bin ich auch ein wenig stolz.
  • Passend dazu im Amsterdamer Rijksmuseum gesehen: Verschiedenste Kunstwerke, die Narcissus zeigen, wie er sein Spiegelbild in der Wasseroberfläche betrachtet. Alles, was er tun kann, ist, den Blick zu erhalten, nur so besteht die Illusion.
  • Wohlwissend, dass ich nun wieder regelmäßig ins Fitnessstudio gehe, spielt mir Instagram die merkwürdigsten Werbeanzeigen aus: »Die perfekte Zahnpasta für den Muskelaufbau! Du putzt dir 730 Mal im Jahr die Zähne. Was wenn diese zwei Minuten mehr für dich tun könnten?« Late-Stage Capitalism im Mundraum, nein danke.
  • In einem Amsterdamer Antiquariat entdecke ich eine riesige Brille (bestimmt einen Meter breit!), mit aufgemalten Augen. Ein skurriles Objekt, ich muss es haben. Natürlich kaufe ich es nicht. Traue mich nicht mal, nach dem Preis zu fragen. Seit einem Monat geht mir dieses Ding nun nicht mehr aus dem Kopf.
  • Wir spazieren durch Moabit und folgen intuitiv den glitzernden Kostümen. So landen wir im Publikum eines Rollschuhkunstlauf-Wettbewerbs: Junge Frauen (Mädchen!) in funkelnden Outfits rollen zu Boomer-Popmusik durch die Arena. Ich frage eine Person, die aussieht, als kenne sie sich aus, nach dem Bewertungssystem. »Bewertet wird Technik und Ausdruck. 10 ist super, 1 ist schon extrem schlecht.« Keine der Läuferinnen, die wir sehen, erhält mehr als 3 Punkte, aber alle jubeln und klatschen, die Stimmung ist albern und schön.
  • Vor dem Five Guys am Ku’damm steht eine Skulptur: ein riesiger Obelisk auf einer Metallkugel. Wir sitzen am Rand und essen Pommes, und gucken zu, wie drei junge Männer die Kugel anschieben und so zum Drehen bringen. Sie vereinen all ihre Kraft und bringen das Monument in Bewegung. Ein niedlicher Anblick, wie sie rennen und schieben und sich freuen und stolz sind. Einige Schaulustige bleiben stehen und sehen zu, so wie wir auch. Später am Abend gehe ich nochmal an der Kugel vorbei. Aus der Nähe ist sie wirklich riesig, drei Meter Durchmesser, nie im Leben hätte ich mich getraut, sie zu berühren – sofort wäre das Gefühl des Scheiterns über mich gekommen, ich konnte es schon spüren zwischen der Kugel und mir.
  • 23:23 Uhr, ich liege draußen unter dem Himmel, über mir brettert der große Wagen vorbei.

April-Liste 2026

  • Wir laufen durch den Park und essen ein Eis, womöglich das erste des Jahres, und am Ende des Weges ragen drei große Giraffenhälse über die Hecke. Wo bin ich?
  • E. fragt uns, ob wir uns als Teenager unsere Leben so vorgestellt hätten, wie sie heute sind. Ich kann das mit einigen kleinen Abweichungen bestätigen, aber ich fühle auch sehr, was K. nach kurzem Grübeln antwortet: »Kommt drauf an, ob du die Teenagerin meinst, die ich vor oder nach MyBlog war.« Wir grinsen und sind alle drei dankbar, dass uns das Internet damals zusammengebracht hat.
  • Im U-Bahnhof Unter den Linden spielt eine Frau alleine auf ihrem Saxofon Mad World. Ich denke bei dem Song immer an die Michael-Andrews-Version von 2001 aus Donnie Darko, und die Welt wird automatisch in ein gespenstisches, graublaues Licht getaucht. Mad World, ein bisschen too real gerade.
  • Auf K.s Balkon steht eine riesige, sehr stylische Box. »Da drin wohnen die Würmer«, wird mir erklärt. »Sie kompostieren hier alles.« Genial, denke ich, das will ich auch! Bis mir im dritten Satz mitgeteilt wird, dass die Würmer durchaus auch mal ausbüxen und in die Wohnung spazieren. Nein danke!
  • Im Buchclub beenden wir unseren ersten gemeinsamen Roman: Gewässer im Ziplock von Dana Vowinckel. Während ich das Buch streckenweise anstrengend fand, mochte ich die vielen Perspektiven auf den Text umso mehr. Paul schreibt darüber auch kurz in seinem Newsletter »Feine Auslese«.
  • Vor seinem Suizid hinterlässt der Hauptcharakter im Film seinem Geliebten eine Audiobotschaft. Der Phonograph spielt knisternd die Nachricht auf dem Wachszylinder ab. Der Mann entschuldigt sich für seine Weltflucht, sein Unbehagen mit sich selbst – eine Note sei falsch in ihm. Der ganze Kinosaal hat einen Kloß im Hals.
  • “You know those people who are good at things early on? Well, they usually turn into boring people whose biggest accomplishments are behind them by the time they’re 25.”
  • Endlich komme ich dazu, meinen alten iPod zu reparieren. Ich baue die Festplatte aus, ersetze sie durch einen Flash-Speicher und wechsle den Akku. Das Gerät macht Spaß wie am ersten Tag, auch nach 22 Jahren.
  • Stadtbad Mitte: Die Sonne scheint durch die Deckenlichter und zielt durch die Wasseroberfläche auf uns Schwimmer herab. Die Diakaustik auf den winterblassen Körpern – wunderschön.

Storm

Yung Lean starring in the music video STORM

Seit Ines gestern einen kurzen Ausschnitt davon auf Instagram gepostet hat, geht mir das neue Musikvideo von Yung Lean und GENER8ION zum Doppeltrack Storm I und Storm II nicht mehr aus dem Kopf. Regisseur Romain Gavras erzählt in über sieben Minuten die Aggression und Einsamkeit eines Bullys in einem britischen Internat, irgendwo in der nahen Zukunft. 

Mit einigen Jahren Abstand zu meiner eigenen Schulzeit habe ich eine merkwürdige Sympathie für Bullys entwickelt. Eine Art Mitleid, vielleicht, oder zumindest eine Neugierde, was in ihnen vorgeht. Die Choreografie von Damien Jalet übersetzt das so bewegend, dass es fast weh tut – besonders ab Minute 4:20.

GENER8ION & Yung Lean – STORM (YouTube)

März-Liste 2026

Collage aus Fotos: Pommes, Konzert, eine Katze in einem Karton, Venedig

  • »Du siehst bisschen müde aus. Oder traurig? Vielleicht bahnt sich auch ne Erkältung an? Oder halt doch ne kleine Depression.« Ganz ehrlich, ich bin einfach durch mit diesem schrecklichen Wetter!
  • Belle and Sebastian spielen ihr erstes Album Tigermilk zum 30-jährigen Jubiläum im Metropol. Stuart Murdoch plaudert und erzählt von der Tour und wie aufgekratzt die Band manchmal sei. »But not here. Nobody is nervous in Berlin!« Wenn die wüssten.
  • Ich schwimme durch die Traglufthalle und bin jetzt schon wehmütig, wenn sie in wenigen Wochen abgebaut wird und nur noch das Sommerbad offen hat.
  • Two bros / riding one e-scooter / five feet apart cause they’re not gay
  • Vom Leben gelernt: Wenn man auf eine Party gehen muss, zu der man eigentlich nicht so sehr gehen will, funktioniert der ›Trick Früh kommen, früh gehen‹ nicht. Man muss spät kommen, und dann gleich wieder gehen!
  • Der Mann von der Müllabfuhr erzählt, wie ihm morgens um 4:30 beim Rausbringen der Tonnen immer ein großes Rudel Ratten entgegen rennt. »Mindestens 20 Tiere sind das. So groß wie Katzen!«
  • Regen und Sonne und Regen und Sonne, 5 Grad Celsius, die Kälte sitzt fest in den Knochen. Schlaf so dünn wie Filterkaffee.

USB 2.0

Foto von mir mit einem selbstgebastelten Hut mit USB Kabel

USB 2.0, 2016

Tragluft

Zeichnung der Traglufthalle von innen, unten der Pool; eine Bank mit einem Handtuch. An der Wand zeichnen sich Schatten der Bäume ab

Über zwei große Becken spannt sich das weiße Membransystem. An seinen Wänden, im Inneren der Traglufthalle, zeichnen sich die filigranen Schatten der noch kargen Bäume draußen ab. Darüber kreisen die Vögel, deren Silhouetten man sieht, während man rücklings im Wasser treibt. Die Schwimmer sind konzentriert, sie ziehen leise ihre Bahnen. Hier drin ist es warm und ruhig. Ich bin jetzt schon traurig, dass diese Halle in wenigen Wochen für den Sommer abgebaut wird.

Februar-Liste 2026

Foto-Collage: Kaffee, Donut, Zeichnungen, Schnee-Spaziergang

  • Vor meiner Haustür prügelt ein Mann auf den Parkscheinautomat ein. So eine Scheiße!, schreit er. Er hüpft einmal erzürnt auf der Stelle, wie so eine Comic-Figur, und hinterlässt eine Schmauchspur im Eis.
  • Die Uhren in der Riso-Werkstatt ticken langsamer. Der Cursor schiebt sich zäh über den Desktop; hier ein Testdruck, da ein paar Einstellungen an der Schneidemaschine. Man merkt hier nicht, wie die Zeit vergeht, und am Ende ist es dunkel, und die Drucke sind fertig.
  • Merkwürdig schlechte Laune, schon seit dem Aufwachen. Versuche ein paar Tage lang, Tagebuch im Thomas-Mann-Stil zu schreiben, um mich selbst nicht zu ernst zu nehmen.
  • Februar im Schnelldurchlauf: Curling, Alysa Liu, noch mehr Curling. Bin so froh, dass im März noch die Paralympics laufen; Olympia hat mich gut gerettet durch den eisig kalten Februar.
  • Anstatt des Regionalzugs entscheide ich mich doch für den ICE, das ist entspannter. Nix los hier. Niemand da. Keine Ereignisse, das Tagebuch: leer. Ich weiß, dass das nicht gut ist, oppose convenience, wenn nichts passiert hat man auch nichts zu erzählen. Aber entspannend war sie, die Fahrt.
  • »Sternzeichen Schnecke, Aszendent Stein.«
  • Die Sonne spiegelt sich in meinem Bildschirm. Ich traue dem warmen Wetter nicht. Vor wenigen Tagen schlitterten wir noch über den See, und jetzt soll ich hier im T-Shirt sitzen? Aber ich nehme was ich kriegen kann, und lasse mich auf darauf ein.
  • Ich betrachte mich und meinen Körper im Spiegel. Ich habe ein paar Kilo zugenommen, endlich. Sogar der viele Sport wird langsam sichtbar. Wenn ich das eine Licht aus und das andere an mache, finde ich den Anblick okay, gut sogar.
  • “My therapist: You are a good person and deserve to be loved.
    Me: Oh no, I have tricked you too!”